Tages-Anzeiger



Monet in der Warteschleife

Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 09.02.2012

Es gibt Zeiten, da fährt der Gabelstapler durchs Kunsthaus. Der «Züritipp» hat hinter die Kulissen geblickt, als die Ausstellung «Wintermärchen» aufgebaut wurde.

Was man heute im Museum herumschiebt, beförderte einst Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit Maria Theresia durchs winterliche Wien.

Was man heute im Museum herumschiebt, beförderte einst Ihre Kaiserliche und Königliche Hoheit Maria Theresia durchs winterliche Wien.


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Wenn es je einen passenden Zeitpunkt für eine Kunstausstellung zum Thema Winter gab, dann jetzt. Gut getimt ist das «Wintermärchen» also allemal. Doch auch sonst dürfte sich die Schau im Kunsthaus zu einem neuerlichen Publikumsmagneten entwickeln: In Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum Wien, wo die Schau zuvor gezeigt wurde, hat man rund 200 Exponate zusammengetragen – Gemälde aus dem 15. bis 20. Jahrhundert, etwa von Monet, Rembrandt und Malewitsch, ausserdem eine exquisite Auswahl an Prunkschlitten und Tapisserien –, in denen sich ausnahmslos alles um die kalte Jahreszeit dreht. So gibt es einerseits natürlich Schnee en masse zu sehen, andererseits aber auch allegorische Darstellungen oder solche, in denen Väterchen Frost sich von seiner düsteren Seite zeigt. (psz)

Autsch, das muss wehgetan haben! Eben hat Kunsthaus-Techniker Marcel Manderscheid den goldverzierten Schlitten, der bald das Herzstück der Themenschau «Wintermärchen» sein wird, auf ein Podest gelüpft – und seine Finger einen Tick später als seine Kollegen unter den Kufen weggezogen. Das barocke Ungetüm bringt gut 200 Kilogramm auf die Waage; macht pro Quetschfinger satte 40 Kilo. Es ist 14 Uhr an diesem Mittwochnachmittag, noch acht Tage bis zur Vernissage. Acht Tage, bis der Bührlesaal drei Monate lang sechs Tage die Woche von Besucherströmen geflutet wird, bis sich eine Hundertschaft nach der anderen an den 200 Exponaten zum Thema Winter vorbeischieben wird.

Aufwand und Materialschlacht

Noch ist Derartiges freilich schwer vorstellbar. Von musealem Daily Business keine Spur. Der Bührlesaal liegt gewissermassen in den Geburtswehen: An den Wänden hängen, statt Gemälden, notdürftig mit Klebeband fixierte A4-Blätter. Die eigentlichen Exponate lehnen unter den Platzhaltern an der Wand, fein säuberlich mit Schaumstoffklötzen unterlegt, um die kostbaren Rahmen zu schonen. Werke, die sonst durch Alarmanlagen und die strengen Blicke des Aufsichtspersonals geschützt sind, stehen einfach so da wie, ja: wie Sperrgut vor der Müllabfuhr. Dass ihr Stellenwert natürlich ein ganz anderer ist, zeigt sich nicht zuletzt an der hohen Luftfeuchtigkeit im Saal. Die ist wichtig, weil sich Leinwand in zu trockener Umgebung stark zusammenziehen kann – Farbabsplitterungen wären die Folge. Und auch sonst bedeutet eine grosse Kunst-Ausstellung Aufwand und Materialschlacht: Werkzeugkisten, so weit das Auge reicht, dazwischen allerlei technisches Gerät. Kabelrollen. Unmengen an Verpackungsmaterial. Bisweilen erschafft der Zufall witzige Stillleben, etwa mit Filzpantoffeln, Staubsauger und einem Werk von Monet. In einer Ecke stehen Dutzende Holzkisten, einige hüft-, andere mannshoch, in denen Gemälde ihrer Montage harren – Millionen in der Warteschleife.

Dieser Schatz beeindruckt Ulrich Zickler freilich nur wenig. Ihn interessiert allein, was diesen später umgeben wird: die Wände, ihr Anstrich, die Podeste. Seit bald zehn Jahren sorgt der Architekt dafür, dass die Kunsthaus-Exponate immer wieder aufs Neue eine würdige Kulisse bekommen. Zusammen mit den Kuratoren hat Zickler auch die aktuelle Szenerie erarbeitet; vor einer Woche wurde der Saal mit 200 Liter Farbe in dezente Grautöne getaucht. «Das Kolorit der Winterbilder ist von Natur aus gedämpft. Um ihnen nicht die Schau zu stehlen, mussten wir uns mit den Wandfarben zurückhalten.»

Wie an der Züspa

Der letzte Satz geht im Schnarren einer elektrischen Hebebühne unter. Am anderen Ende des Saals werden gerade raumhohe Tapisserien mithilfe meterlanger, an der Wand festgetackerter Klettverschlüsse montiert. Ein wenig fühlt man sich wie an der Züspa: Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, ein gleichzeitiges Neben- und Miteinander. Während Kunsthaus-Direktor Christoph Becker Gastkurator Ronald de Leeuw durch den Ausstellungsraum führt, wühlt ein Handwerker in den Schubladen eines Werkzeugtrolleys nach dem richtigen Bohrkopf. Hier und da kauert ein Restaurator vor einem Gemälde; hoch konzentriert und mit Lupe und Taschenlampe bewaffnet, leuchtet er Zentimeter um Zentimeter ab, um allfällige Transportschäden sofort dokumentieren zu können. Spezielle Arbeitskleidung sucht man vergeblich; die meisten tragen Jeans und Pulli, dazu die obligaten Baumwollhandschuhe.

Letztere kommen natürlich auch beim Glanzstück der Ausstellung zum Zuge. Als wir eintreffen, ist von ihm allerdings nicht viel mehr zu sehen als ein drei Meter langer, mannshoher Haufen Luftpolsterfolie. Einzig die darunter hervorlugenden Kufen verraten, dass es sich hierbei um einen Schlitten handelt – und zwar den wohl kostbarsten der Welt. Eine Kunsthaus-Angestellte fotografiert jeden Schritt, während die zwei aus Wien eingeflogenen Expertinnen das Gefährt Schicht um Schicht entblättern: Erst weicht das Bubblewrap, danach folgen die Baumwolltücher. Die Restauratorin Michaela Morelli umkreist das Geschehen wie ein Trabant, kniet mal da hin, gibt mal dort einen Tipp, greift zum Staubsauger, um aufgewirbelten Schmutz sofort vom samtenen Sitzkissen zu entfernen. Plötzlich stutzt sie, verzieht das Gesicht. Mit vielsagendem Blick deutet sie auf eine Stelle am hinteren Teil des Schlittens: «Das sieht frisch aus.» Tatsächlich, an der Rückseite des Gefährts ist klar ein länglicher Riss im Holz erkennbar. Ein älterer Schaden zwar, doch vor der Reise gemachte Fotos beweisen: Der Riss ist sichtlich gewachsen. Die strapaziöse Reise ist dem empfindlichen Material nicht bekommen. «Das ist der Preis, den man zahlt, wenn man ein Objekt ausleiht», seufzt Morelli. «Obwohl man natürlich jedes Mal stolz ist, seine Stücke im Ausland zeigen zu dürfen – ein Transport hat für das Werk immer Beschädigungen zur Folge. Auch wenn sie nur minimal sind.» Also alles einmotten? «Klar wäre es das Beste, die Objekte in einen dunklen Keller zu stellen und nie mehr hervorzuholen. Aber das wäre ja witzlos. Man soll die Sachen ja sehen können.»

Den Pferdehintern stemmen

Mit einem Gabelstapler wird der Schlitten auf Podesthöhe angehoben; der Rest ist Muskelarbeit. Fünf Handwerker, allesamt in Filzfinken, reihen sich links und rechts der Kufen auf. Als der sechste Mann auf sich warten lässt, fackelt Christoph Becker nicht lange. Kurzerhand zieht der Kunsthaus-Direktor Schuhe und Jackett aus und packt mit an. Ein Bild für die Götter. Zu sechst macht man sich bereit: «Drei, zwei, eins – heben!» Und ruck, zuck ist das Ungetüm oben. Danach gehts ans Kosmetische: Gequetschte Finger werden gekühlt, der Schlitten mithilfe von Teflonschienen in die endgültige Position geschoben. Aufbaubedingte Schrammen im schneeweissen Podest wird der Maler später retuschieren.

Zunächst aber heisst es, das zum Schlitten gehörende Pferd zu installieren. Noch ohne Schweif und Ohren – die werden separat angeliefert und erst ganz zum Schluss angeschraubt – wird es von zwei Arbeitern hochgehievt, wobei der eine ihm beherzt in die Plastiknüstern greift und der andere keuchend den Pferdehintern stemmt. Dann ist das Zaumzeug an der Reihe. Das goldbestickte Geschirr liegt in grossen, flachen Boxen bereit und muss von sackweise Krepppapier befreit werden; Assistenten räumen das Packmaterial zügig aus dem Weg. Plötzlich bricht Hektik aus: Ein Teil des Geschirrs ist unauffindbar. Wurde es versehentlich nicht mitgeschickt? «Davon hab ich nachts geträumt», murmelt die Wiener Spezialistin lakonisch. Dann: Entwarnung. Die Erleichterung steht den Verantwortlichen auf die Stirn geschrieben.

Gerda Kram steht schmunzelnd daneben. Über die Jahre hat die im Kunsthaus für Transporte und Versicherungen zuständige Mitarbeiterin unzählige solcher Momente erlebt. «Bei uns hat man eben x-mal im Jahr Weihnachten, wissen Sie.» Sagts – und entschwindet ins Getümmel.

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