Der unbedingte Hunger nach Grösse
Von Florian Keller. Aktualisiert am 03.03.2010
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Er war unsterblich verliebt und geistig behindert, er verkörperte Rimbaud und Romeo, er ging als Hochstapler in die Luft und als besessener Diamantenjäger nach Afrika; er hing an der Nadel und ermittelte Undercover gegen die Mafia, und er war ein schwerreicher Flugpionier, der in tiefster geistiger Zerrüttung endete. Das ist, in aller Kürze, das Repertoire des Leonardo DiCaprio. Es ist das Repertoire eines Schauspielers, für den keine Rolle zu gross ist, solange sie ihn an die Grenzen führt: DiCaprio ist ein Himmelsstürmer, der keine Angst vor dem Abgrund hat.
Und doch ist die chronische Geringschätzung des Leonardo DiCaprio bis heute nicht ganz aus der Mode gekommen. Irgendwie haftet immer noch das Stigma des Mädchenschwarms an ihm, das er sich auf jener grossen, fatalen Schiffsreise eingehandelt hatte. Da trieb er am Ende tiefgefroren im Wasser, ehe es ihn unwiederbringlich in die Tiefe zog, eine schöne Leiche mit diesem bläulichen Silberglanz der Unschuld im Gesicht. «Titanic» machte ihn zum globalen Posterboy für jede Mädchenfantasie, und der populäre Kurzschluss folgte prompt: Dieses Bürschchen mit seinem ewig jungen Kindergesicht, das konnte ja kein Mann für grosse Charakterrollen sein.
leonardos emanzipation
Dabei hätte man es schon damals besser wissen müssen. Denken wir nur an den romantischen Furor in Baz Luhrmanns «Romeo + Juliet», als der schöne Leo seine Blankverse aufsagte wie ein postmoderner Shakespeare auf Speed und dabei noch Zeit fand für träumerische Blicke unterm Balkon seiner Julia. Oder denken wir, noch früher, an den geistig behinderten Klettermax in «What’s Eating Gilbert Grape», der frohgemut den Wasserturm bestieg, um dem tristen Flachland von Idaho zu entwischen.
Nach «Titanic» setzte er dann alles daran, sich als ernst zu nehmender Charakterdarsteller zu profilieren. Die Emanzipation des Leonardo fing damit an, dass er auf ein Groupie einprügelte, eine Hotelsuite zertrümmerte und auf Koks einen Drehbuchschreiber zum Gruppensex verführen wollte. (Nein, nicht im wirk- lichen Leben, sondern bloss in einer selbstironischen Gastrolle als narzisstischer Jungstar in Woody Allens «Celebrity».) Und bald darauf trat jener Altmeister auf den Plan, der massgeblich daran beteiligt war, den Posterboy aus «Titanic» zu einem Filmstar von geradezu klassischem Format zu modellieren.
Mentor Scorsese
Martin Scorsese läutete mit seinen «Gangs of New York» die zweite Phase in der Karriere des Leonardo DiCaprio ein. Nach den Jahren des jugendlichen Übermuts folgte jetzt das Jahrzehnt der Reifeprüfungen. Die Rollen, die sich DiCaprio nun aussuchte, wurden schillernder, ambivalenter. Wie massgeschneidert sass ihm die Figur des charmanten jungen Hochstaplers, der in Steven Spielbergs «Catch Me If You Can» den amerikanischen Traum in die Tat umsetzte, indem er lauter falsche Identitäten anprobierte. Und wieder unter Scorsese zog er in «The Aviator» alle schauspielerischen Register vom verführerischen Genie zum hilflosen Zwangsneurotiker; es war die Leistungsschau eines Darstellers, der sich mit diesem Film offensichtlich seinen eigenen «Citizen Kane» erfüllen wollte.
Er könne sich, sagte er kürzlich in einem Interview, schlicht nicht mehr vorstellen, jemals den Hunger nach diesem Job zu verlieren. Das sagt sich so leicht dahin. Aber man muss sich nur seine Filme anschauen, um zu merken, dass das bei DiCaprio wahrscheinlich sogar die Wahrheit ist.
Diesen unbedingten Hunger sieht man ihm in jeder Rolle an, auch jetzt in «Shutter Island». Was ihm dabei noch fehlt, ist eine gewisse Lässigkeit. Eine Lockerheit auch, die ihn von dem tragischen Ernst befreien würde, mit dem er bald jede seiner Figuren ausstattet. Wenn er sich in «Shutter Island» in die Abgründe der Paranoia wagt, so wirkt das immer noch manchmal, als wollte ein Mädchenschwarm beweisen, was für ein beschlagener Schauspieler aus ihm geworden ist. Leonardo DiCaprio spielt weiter gegen sein altes Image an. Er hätte es gar nicht mehr nötig.



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