Evolution im Schnelldurchlauf
Von Andreas Tobler. Aktualisiert am 15.12.2011
Im Universum dauerte es ein paar Milliarden Jahre. Gott nahm sich sechs Tage Zeit, und Philippe Quesne erreicht sein Ziel in 70 Minuten: die Erschaffung einer Welt. Um nichts Geringeres geht es in «Big Bang», einer First-Class-Theaterproduktion, in der ohne Urknall-Effekt ein Bühnenuniversum entsteht: Wie Amöben kriechen Quesnes Schauspieler unter Flokatiteppichen. Sie erheben sich auf Kommando zu Höhlenmenschen und umstehen kurz darauf bärtig ein Lichtfeuer. Nach einer Stunde Evolutionsgeschichte im Schnelldurchlauf werden sie in Raumanzügen den Bühnen-Weltraum durchschreiten.
Seit 2003 tourt der Franzose Quesne mit seiner Gruppe Vivarium Studio um den Globus. Und immer zeigt der 1970 geborene Regisseur Stücke, die von einer wunderbaren Leichtigkeit bestimmt sind. Wohl deshalb hat der Pop-Philosoph Diedrich Diederichsen ihn mal einen «tiefenentspannten Christoph Marthaler» genannt. Bei einem feinsinnigen Leichtnehmer wie Quesne wird selbst die Erschaffung einer Welt zu einem entspannten Spiel: Evolution macht durstig, und so genehmigen sich die Steinzeitmenschen ein paar Dosenbiere, die sie einem Autowrack entnehmen. Höhlenmenschen, Autowrack und Dosenbier? Stimmt, die Evolutionsgeschichte wird in «Big Bang» nicht nur eingedampft, sondern auch ein wenig durcheinandergewirbelt. Die Deutung seiner poetischen Bühnenbildwelt überlässt Philippe Quesne aber seinen Zuschauern: Das umgestürzte Autowrack könnte an einen Protest erinnern. Aber an welchen? Später stapeln die Schauspieler mehrere Schlauchboote der Marke Challenger aufeinander. Dabei könnte man an den gleichnamigen Spaceshuttle der Nasa denken, der sich uns durch das tragische Challenger-Unglück von 1986 ins Gedächtnis gebrannt hat.
In Quesnes Szenografie gibt es keine Tragik. Seine Schöpfung ist vielmehr von einer heiteren Melancholie bestimmt. Jedes Weltbild, das seine Schauspieler erschaffen, ist schon bald wieder Vergangenheit: Ein Skizzenblock wechselt die Hände. Man entwirft, baut, begutachtet und diskutiert. Und summt dabei fast immer ein Lied: In «Big Bang» wird der Schöpfungsakt zu einer kollektiven Arbeit – und zu einer poetischen Reflexion über eine Bühnenkunst, die aus vorgefundenem Material neue Welten schafft.



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