Blond dark Lady
Von Mauro Guarise. Aktualisiert am 01.02.2012
Konsequent bringt das Theater Rigiblick Rockmusik auf die Bühne: «Faust» mithilfe von Rocksongs, das Pink-Floyd-Album «The Dark Side of the Moon» als Musical, und zu John Lennons Todestag erzählte Bassist und Beatles-Freund Klaus Voorman Anekdoten. Wurden bislang Interpretationen oder Geschichten aus zweiter Hand geboten, präsentiert das Theater nun aber einen Weltstar in Person: Marianne Faithfull, die 65-jährige Sängerin, liest aus Shakespeares Sonetten. Das mag verwundern, ist aber nicht so abwegig.
Faithfull machte sich schon 1969 als Ophelia in einer «Hamlet»-Inszenierung mit dem Werk von Britanniens Über-Dichter vertraut. Privat war sie damals mit Englands Über-Rocker liiert: Mick Jagger lernte sie als singende Teenagerin kennen, die niemand ernst nahm. Mit dem Ende der unschuldig swingenden Sixties vollzog Faithfull vor den Augen einer hämischen Öffentlichkeit eine Wandlung von der adretten Bürgerstochter zum Sexobjekt und schliesslich zum heroin- und magersüchtigen Junkie. Erst 1979 gelang ihr als Sängerin mit rauem, dunklem Timbre ein Comeback. Erst jetzt wurde sie nicht mehr als Püppchen oder Hure, sondern als Künstlerin und Frau wahrgenommen.
Als Leserin von Shakespeares Sonetten passt sie auch darum, weil die ihrerseits mit einem Frauenbild aufräumten, das jenem der Sechziger ähnelte: Die Frau in traditionellen Sonetten vor Shakespeare wurde als eine für den Dichter unerreichbare, keusche und bleiche Schönheit überhöht. Shakespeare stellte diesem leblosen Frauenbild seine «Dark Lady» entgegen: Eine schwarze Frau aus Fleisch aus Blut, mit dicken Haaren, starkem Geruch und ebensolcher Stimme, die nichts mit den zu Tode ästhetisierten Göttinnen gemein hat. Und doch ist sie ihm lieber: «And yet, by heaven, I think my love as rare / As any she belied with false compare» heisst es im berühmten Sonett 130.
Ruppig, aber innig liest Faithfull von der fleischlichen Liebe zu Frauen und Männern – und von der Hoffnung des Dichters, seine Werke mögen ihn überdauern wie Kinder. Wir wünschen ihr dasselbe.



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