Tages-Anzeiger



Auf den Kopf gefallen

Von Andreas Tobler. Aktualisiert am 01.02.2012

Lukas Bärfuss hat ein neues Stück geschrieben. Es handelt von Verantwortung und unserem Umgang damit. Und zeigt, was passieren kann, wenn einem eine Kiste voll Bücher auf den Kopf knallt.

Ratlos ob so viel Schweizer Geschichte: Bärfuss Tony beim Vergangenheitsbewältigen.

Ratlos ob so viel Schweizer Geschichte: Bärfuss Tony beim Vergangenheitsbewältigen.
Bild: Tanja Dorendorf/T+T Fotografie


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Sie stolpern, straucheln und scheitern: die Figuren in den Theaterstücken von Lukas Bärfuss. Konsequent entzieht der Berner seinen Geschöpfen die Gewissheiten und versetzt sie in Zustände, die sie nur schwer oder gar nicht bewältigen können. So ergeht es auch dem Personal des neuen Stücks, das Bärfuss für das Schauspielhaus geschrieben hat. «Zwanzigtausend Seiten» heisst es und geht so: Einem jungen Mann namens Tony fällt eines Tages ein Umzugskarton voll mit Büchern auf den Kopf. Danach ist Tony davon überzeugt, dass der Inhalt der Bücher in seinem Kopf ist. Wort für Wort. Satz für Satz. Dabei handelt es sich nicht um irgendwelche Bücher, sondern um die 25 Bände des Berichts über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg: zwanzigtausend Seiten Schuld und Verstrickung – alle in Tonys Kopf.

Entstanden ist das Stück (Regie: Lars-Ole Walburg )aus einem Nachdenken über den Begriff der «Verantwortung», mit dem sich Bärfuss intensiv beschäftigt hat. «Was bedeutet er für den Einzelnen und was für die Gesellschaft?», fragte sich der Dramatiker. Im Stück übernimmt Tony die Verantwortung, die aus seinem Wissen entsteht, obwohl er schwer an seinem Geschichtskopf trägt: Dauernd sieht er sich mit den Schicksalen der Opfer konfrontiert, mit denen er eigentlich nichts zu tun hat. Nun sind sie Teil von ihm. Wie geht man damit um? Tony wendet sich an die Vertreter eines Bürgerradios. Doch die Radiomacher wollen nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft bewältigen. Und er trifft auch jenen Mann, der die Bücher aus dem Fenster geworfen hat. Es ist der Herausgeber der Bände, der in Bärfuss’ Stück Jean-François Blonay heisst und die Bücher hat loswerden wollen, weil er den Bericht als sein «Lebensunglück» versteht. (Mit Jean-François Bergier, der 2009 im waadtländischen Blonay starb, verbindet Bärfuss’ Historiker aber nur wenig.)

Im Stück scheitern alle Figuren an Projekten, die sie zusammen anpacken müssten – die Vergangenheitsbewältigung und die Realisierung von Zukunftsutopien. Eine pessimistische Antwort auf Bärfuss’ eigene Frage also, wenn auch mit den Zügen einer Farce: In einer Castingshow tritt Tony als Gedächtniskünstler gegen eine singende Busfahrerin an. Dann knallt das zweite Mal eine Bücherkiste auf seinen Kopf, der Vorhang fällt – und Bärfuss’ Fragen tanzen mit unseren Synapsen.

Do (Premiere, ausverkauft!) / Fr / Mo / Di 20 Uhr Eintritt 10–123 Franken

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1 KOMMENTARE

Georg Stamm

Der Autor Lukas Bärfuss schreibt immer über Verantwortung, die man nach seiner Meinung vor Jahrzehnten hätte wahrnehmen sollen. Zu aktuellen Themen hört man nichts. L. Bärfuss weiss z.B. ganz genau, was der Bundesrat 1939-45 für eine Flüchtlingspolitik hätte betreiben sollen: Alle Juden reinlassen. Ueber die Konsequenzen von Seiten Hitlers hört man von Bärfuss nichts. Das ist ihm auch egal, denn die Sache ist ja 67 Jahre her und er, Bärfuss, muss keinerlei Verantwortung gegenüber jemandem übernehmen, auch nicht gegenüber dem Schweizervolk. Der Mann hat nicht wirklich etwas zu sagen und bewirtschaftet das schlechte Gewissen gewisser Leute, die das schick finden, aus sicherer Entfernung.



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