Gesucht ist der 2000-Watt-Lifestyle
Von Esther Banz. Aktualisiert am 25.11.2010
2000 Watt
Der Begriff «2000 Watt» ist eine Schweizer «Erfindung». Das Paul-Scherrer-Institut (PSI) und die Eidgenössisch Technische Hochschule (ETH) führten ihn 1998 ein, basierend auf der Erkenntnis, dass es zum Überleben und Weiterkommen in einem Land 1000 Watt pro Person braucht. Mit dem Doppelten, also 2000 Watt pro Person, müssen die Menschen in einem hoch entwickelten Land wie der Schweiz nicht auf Lebensqualität verzichten, so die Berechnung der Wissenschaftler. Watt bezeichnet genau genommen die Energieleistung. 2000 Watt entsprechen jährlich 17500 Kilowattstunden Verbrauch pro Person. Damit wird auch der CO2- Ausstoss auf 1 Tonne pro Person und Jahr reduziert und der Klimawandel eingedämmt.
Um in die Zukunft zu blicken, hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit. «In den Sechzigerjahren», sagt Ruedi Ott, der beim Zürcher Tiefbaudepartement für die Mobilität und deren Planung zuständig ist, «hatte es über Mittag am meisten Verkehr. Damals gingen die Leute noch nach Hause essen.» Heute nehmen die meisten Berufstätigen ihr Mittagessen in einer Kantine oder einem Restaurant ein, und entsprechend ist fünf vor zwölf keine Verkehrsspitze mehr.
In den nächsten vierzig Jahren wird sich der Verkehr noch viel grundlegender verändern. Denn das Stadtzürcher Stimmvolk hat vor genau zwei Jahren mit einer überwältigenden 76-Prozent-Mehrheit beschlossen, seinen Energieverbrauch von heute rund 5000 Watt pro Kopf und Jahr auf künftig durchschnittlich 2000 Watt zu senken. Beim Treibhausgasausstoss, dem CO2, will es noch mehr reduzieren: von heute fünf Tonnen pro Kopf und Jahr auf künftig nur noch eine Tonne.
Ruedi Ott beauftragte Expertenteams, um herauszufinden, wie genau die Veränderungen in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft in den nächsten Jahrzehnten den Verkehr in Zürich beeinflussen werden. Konkret: Wie leben die Menschen in Zürich, wenn sich nur noch ganz wenige Benzin leisten können und der öffentliche Verkehr den neuen Bedürfnissen nicht gerecht wird? Wie leben sie, wenn die erneuerbaren Energien zwar vorhanden sind, die Bevölkerung aber noch individualistischer unterwegs ist als heute? Was ist, wenn die virtuelle Welt so weit in die reale Welt vorgedrungen ist, dass die Technik zwar alles bietet und alles steuert, aber auch alles überwacht?
Die Ergebnisse wurden im letzten Jahr im Bericht «Zürichs Verkehr 2050» publiziert. Man begegnet da dem emissionsfreien Stadtfahrzeug Citelec, öffentlichen Kleinkabinenbahnen und Mobilitätszentralen: Parkhäuser mit Mietfahrzeugen und Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Benzinautos gibt es dann praktisch keine mehr. Jeder Nutzer trägt einen persönlichen Chip auf sich, der wie ein Passepartout funktioniert. Es gibt auch Luxuszüge mit Beautysalon und solche, die – wie heute schon Sportarenen – die Namen von Firmen tragen.
Der Bericht erhielt medial praktisch null Beachtung. Das mutet seltsam an. Denn wir stehen nicht nur angesichts des Klimawandels an einem Wendepunkt: Vor wenigen Tagen hat die Internationale Energie Agentur (IEA) bekannt gegeben, dass das Fördermaximum beim Rohöl bereits 2006 erreicht wurde. Benzin könnte deshalb im kommenden Jahrzehnt schon sehr viel teurer werden. Das verlangt von den Menschen rasche Veränderungen, auch in Zürich. Denn nicht nur Autos und Flugzeuge sind vom Rohöl abhängig und treiben gleichzeitig den Klimawandel voran – dasselbe gilt für unseren täglichen Konsum und das Wohnen. Gut 40 Prozent der Energie, die wir verbrauchen, steckt in den Häusern, rechnet das 2004 erschienene «Weissbuch» von Novatlantis vor.
Novatlantis ist keine esoterische Sekte, sondern das 2000-Watt-Kompetenzzentrum der ETH und ein wichtiger Partner der Stadt Zürich, um zu der nachhaltigen, ressourcenschonenden Gesellschaft zu werden, für die sich das Stimmvolk ausgesprochen hat. Geschäftsleiter von Novatlantis ist der Architekt Roland Stulz.
Herr Stulz, wie wohnen die Zürcher im Jahr 2050?
Viele werden in Häusern leben, die mit Solaranlagen und Erdsonde-Wärmepumpen ausgestattet sind und mehr Energie produzieren, als sie selber benötigen. Tatsache ist aber, dass von den Häusern, die vor 1980 gebaut wurden – und sie machen 80 Prozent aller Liegenschaften aus – derzeit jährlich weniger als ein Prozent so saniert werden, dass sich ihre Energiebilanz massgeblich verbessert. Wenn das so weitergeht, sind 2050 maximal 40 Prozent der Baumasse erneuert.
Was wird in vierzig Jahren die grösste, heute kaum vorstellbare Innovation sein?
Vieles ist bereits angedacht. Wir kommen ja von einer Öl- in eine Stromgesellschaft. Energie wird künftig allerorts produziert werden. Wir werden Windenergie von der Nordsee beziehen, Sonnenenergie aus dem Süden, und natürlich wird unsere eigene Wasserkraft eine grosse Rolle spielen. Daneben werden unzählige kleine Solar-, Windkraft- und Biogasanlagen Energie erzeugen. Eine der wichtigsten Innovationen wird deshalb eine Art Energie-Internet sein: ein intelligentes Stromnetz, auch «Smart Grid» genannt. Es wird alle miteinander vernetzen wie das Internet, nur auf energetischer Basis. Mit den Smart Grids kann die dereinst dezentral produzierte Energie gemanagt werden. Das wird auch deshalb nötig sein, weil es etliche neue Methoden geben wird, um Energie zu produzieren. Auch solche, die wir heute noch für unrealistisch halten. Dieses Jahr etwa haben englische Forscher verkündet, dass sie mittels Bakterienkulturen aus Urin Energie gewinnen können. Weitere Innovationen wird es beim künstlichen Licht geben: Vermutlich werden uns dereinst Lichtwolken begleiten – Licht brennt dann automatisch nur dort, wo sich Menschen aufhalten.
Und wie sehen die Arbeitsplätze der Zukunft aus?
Wir sitzen in absehbarer Zukunft nicht mehr vor Monitoren, sondern setzen Brillen auf – die Brille ersetzt den Bildschirm.
Das klingt alles verheissungsvoll. Aber 2000 Watt bedeuten in erster Linie die Reduktion des Energieverbrauchs um zwei Drittel. Wie will Zürich das schaffen?
Es wird einen Wandel von der Spass- hin zur Sinngesellschaft geben. Künftig gilt: Qualität statt Quantität. In den nächsten vierzig Jahren werden wir bewusster und weniger konsumieren. Wir werden mehr Wert auf langlebige und nachhaltige Produkte legen und weniger Billigware kaufen. Wir werden weniger fliegen und uns nicht mehr durch Menge betäuben. Uns wird bewusst werden, dass weniger auch mehr sein kann, dass Lebensqualität nicht gleich Konsum ist. Es gibt schon jetzt Leute, die sich freiwillig beschränken, weil sie gemerkt haben: mit weniger von allem ist mir wohler.
Und wie will man alle anderen dazu bringen, dass sie freiwillig darauf verzichten, mal schnell für ein paar Tage nach Berlin zu fliegen? Dass sie das Shoppen nicht für ein zentrales Freizeitvergnügen halten?
Die Leute werden nicht gänzlich auf Konsum verzichten, aber weniger und bewusster reisen und shoppen. Die meisten aber werden diesen Wandel nicht freiwillig mitmachen, sondern erst, wenn entsprechende Gesetze geschaffen sind. Das hört zwar niemand gerne, aber es muss und wird so passieren. Denn auf rein freiwilliger Basis würde der Wandel hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft zu lange dauern.
Was bedeutet das alles für die Wirtschaft?
Heute wird Wachstum ja über das Bruttoinlandprodukt gemessen. Alle Ware trägt zum Wachstum bei, auch billige, schlechte, nicht nachhaltige. Das wird sich ändern. Es wird ein qualitatives Wachstum geben, das anders definiert und berechnet wird. Wie viel und welches Wachstum es für eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung braucht, wird seit Jahrzehnten diskutiert – aber nur in interessierten Kreisen. Diese Frage muss jetzt aufs politische Tapet und breit diskutiert werden. Eine ökologische Steuerreform könnte dann der erste Schritt in eine nachhaltigere Zukunft sein.
Wird es dann noch Autos geben?
Ja. Viele Leute, die nicht in den Zentren leben, werden weiterhin ein eigenes Auto besitzen wollen. Aber es wird eine integrierte Mobilität geben, die noch viel weiter geht als Mobility heute. Auch der öffentliche Verkehr, Taxis und Servicedienstleistungen für Betagte und Behinderte werden darin integriert sein. Von einer Schweizer Firma wird jetzt ein entsprechendes System entwickelt, das in den nächsten Jahren in einer Testphase laufen wird. Damit werden wir weniger Stauprobleme haben und weltweit eine Vorreiterrolle übernehmen.
Genügt das? Die Haushaltgeräte beispielsweise werden ja kontinuierlich energieeffizienter, aber immer mehr Geräte laufen auf Stand-by. Was passiert, wenn die neuen Techniken und mehr Effizienz wiederum zu mehr Verbrauch führen?
Das können wir nur in den Griff bekommen, wenn sich jeder überlegt, was für seine Lebensqualität überhaupt wichtig ist. Solange wir immer mehr zu brauchen glauben, werden wir nicht nachhaltig sein. Die zentrale Frage für die Gesellschaft lautet deshalb: Wie erreichen wir eine gute Lebensqualität mit weniger Ressourcen? Der 2000-Watt-Lifestyle ist gesucht . . .
Um ihn zu finden und den Leuten in die Köpfe zu pflanzen, investiert Zürich in den nächsten zehn Jahren je eine Million Franken in die Aufklärung und Sensibilisierung der Bevölkerung. Das hat der Gemeinderat vor kurzem beschlossen. Konkret will man etwa herausfinden, wie die privaten Liegenschaftsbesitzer dazu motiviert werden können, ihre Häuser energieeffizient zu sanieren. Oder wie man dieLeute so weit bringt, dass sie ihre Computer, Handys und Fernsehgeräte nicht permanent im Stand-by-Modus laufen lassen. Gestartet wird nächstes Jahr, an der ETH und der Universität Zürich sind zahlreiche Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen in das Projekt involviert.
Auch die Zürcher Hochschule der Künste soll beigezogen werden, wie Roland Stulz sagt, denn «die Leute müssen sich vorstellen können, wie die 2000-Watt-Gesellschaft aussehen wird – dazu braucht es Vorbilder und auch Visualisierungen». Einen Anfang macht die neue Ausgabe des Comic-Magazins «Strapazin». Zeichner wie Christophe Badoux und Ruedi Widmer haben sich mit Zürichs Zukunft auseinandergesetzt. Die Bilder sind in der soeben eröffneten Ausstellung «Verwegen Verworfen Verpasst» im Stadthaus zu sehen.
Energie tauschen
Auch der Guerilla-Gärtner Maurice Maggi macht sich Gedanken dazu, wie Zürich in Zukunft aussehen wird. Finden seine Visionen dereinst Gefallen, so wird es im öffentlichen Raum der Stadt anstatt der Zierbäume mehr essbare Pflanzen geben. Brachnischen würden für den privaten Gemüseanbau genutzt werden können.
Ähnliche Ideen sind in US-Städten bereits Realität: Hausdächer werden als Gemüsegärten genutzt, die Landwirtschaft hält überhaupt wieder vermehrt in der Stadt Einzug. Auch in Zürich gibt es seit diesem Jahr mit dem Pflanzplatz Dunkelhölzli in Altstetten die erste Anbaugemeinschaft.
Das urbane Gärtnern ist auch beim Utopisten P. M. ein wichtiges Thema, ebenso die direkte Versorgung der städtischen Bevölkerung durch Lebensmittelproduzenten aus der Umgebung. Dass Esswaren in der 2000-Watt-Gesellschaft nicht mehr in Unmengen von fern hertransportiert werden, glaubt auch Roland Stulz. Er geht zwar nicht davon aus, dass im Jahr 2050 alle zu Selbstversorgern werden, wohl aber werde die gesamte hiesige Landwirtschaft biologisch sein, «nur schon wegen der Qualität», sagt er.
Maurice Maggi hat noch eine andere Idee, damit wir zu der 2000-Watt-Gesellschaft werden, die wir sein wollen: «Der Energieverbrauch soll limitiert werden. Wer mehr braucht, muss die zusätzliche Energie von Wenigverbrauchern erstehen oder tauschen.» Diese Vision ist alles andere als abwegig, sie findet sich in ähnlicher Form auch im Bericht «Zürichs Verkehr 2050». Und auch für Roland Stulz von der ETH ist sonnenklar, dass der Energieverbrauch neu organisiert und besteuert werden muss. Er sagt: «Es braucht eine ökologische Steuerreform. Das Leben der Menschen wird dadurch nicht schlechter, im Gegenteil: Es ist die einzige Möglichkeit, um zu überleben.»
Einer, bei dem in der Stadt hinsichtlich 2000-Watt-Gesellschaft viele Fäden zusammenlaufen, ist Bruno Hohl vom Umwelt- und Gesundheitsschutz.
Herr Hohl, wie autonom ist die Stadt eigentlich auf ihrem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft?
Zürich wird zwar Vorbildcharakter haben, indem es mit weitsichtigen Strategien für die Raumentwicklung, die Mobilität, den Grünraum und die Energie die Umwelt mit einbezieht. Aber es braucht den Bund und den Kanton – da werden entscheidende gesetzgeberische Weichen gestellt. In Österreich beispielsweise hats ja schon heute auf vielen Ställen eine Solaranlage. Es braucht ferner auch die Wissenschaft, die Wirtschaft, jeden Einzelnen. Die 2000-Watt-Gesellschaft funktioniert kooperativ. Jedes Handeln ist relevant – und wir dürfen es nicht auf morgen ver-schieben.
Werden die Leute freiwillig aufs Autofahren verzichten, Liegenschaftsbesitzer Geld in die Hand nehmen, um ihre Häuser zu sanieren, werden wir alle weniger einkaufen?
Wenn attraktive Alternativen bestehen: ja. Wenn ich schnell und sicher mit dem Velo zur Arbeit fahren kann, lasse ich das Auto gerne zu Hause und komme entspannt im Büro an. Wenn ich mein Haus warm einpacke und mit erneuerbarer Energie heize, spare ich in den kommenden Jahren viel Geld. Und wenn ich mich in einer schönen, gesunden Umgebung erhole, habe ich mehr vom Leben. Wir werden Konsumenten bleiben und auch weiterhin mobil sein wollen – nur anders, stadtgerechter.
Gut möglich, dass sich unsere erwachsenen Kinder in nicht so ferner Zukunft beim Anstehen an der Kleinkabinenbahn über die zahlreichen Immigranten aus den USA unterhalten werden. Oder über die neusten Viren im Energie-Internet. Oder darüber, wie Eindringlinge aus fernen Quartieren die reifen Äpfel von den Bäumen in der Strasse geklaut haben. Oder ob es wirklich nötig ist, die Velobahnen von drei auf vier Spuren zu verbreitern. Oder was denken Sie, Roland Stulz, worüber werden die Zürcher im Jahr 2050 reden? Der Forscher sagt: «Über dasselbe wie jetzt: Was macht die Cervelatprominenz? Und was läuft eigentlich heute Abend im Xenix?»


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