Tages-Anzeiger



Zürcher Szenis stehen wieder Schlange

Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 29.10.2009

Nur Klubs, die nichts zu bieten haben, setzen noch auf Gästelisten. Bei den meisten Zürcher Nachtlokalen heisst es: Spass kostet ab sofort wieder Geld.

Das Kaufleuten ist stolz auf seine zahlenden Gäste.

Das Kaufleuten ist stolz auf seine zahlenden Gäste.
Bild: Reto Oeschger

In Zürich, sagt Mark Röthlin vom Kaufleuten, gebe es zu viele Klubs. Und die buhlen Wochenende um Wochenende um Kunden. Die Betreiber wissen: Ein leerer Dancefloor ist der Anfang vom Ende. Also haben sie zwei Möglichkeiten. Entweder investieren sie ins Angebot. Oder sie machen alles gratis. Das vermeintliche Zaubermittel heisst Gästeliste. In Zeiten, wo sich Partyqueens und -kings wie VIPs vorkommen, wenn der Fotograf von «Tilllate» sie ins Visier nimmt, kommt ein Eintrag auf der Gästeliste einer Adelung gleich. Passiert jemand die Schlange der Wartenden, blickt dem Türsteher kurz in die Augen und erhält dann Einlass, darf er sich Szeni nennen.

Ein Akt der Verzweiflung

Freilich gibt kein Klubbetreiber zu, dass er Leute gratis feiern lässt. Es wäre ein Eingeständnis, dass seine Inhalte nicht ziehen. Dass der DJ niemand interessiert, der Service und das Ambiente lausig sind. Kurz: dass sein Laden ein Ort geworden ist, den man bestenfalls noch dann besucht, wenn Happy Hour ist und der Eintritt kostenlos.

Das Kaufleuten, versichert Mark Röthlin, mache da nicht mit: «Was nichts kostet, ist nichts wert.» Gratis in den Klub kommen bloss Leute, die einen Tisch reserviert haben, eine Membercard haben oder vom Veranstalter der Party eingeladen wurden. Für Röthlin kommt das Aufsetzen von Gästelisten einem Akt der Verzweiflung gleich. Denn fehlen die Einnahmen von der Tür, können weniger gute und bekannte Acts gebucht werden. Ein Teufelskreis. Röthlin ist überzeugt, dass es an der Qualität des Gebotenen liegt, ob ein Klub gut besucht wird oder eben nicht: «Läuft es nicht, mache ich einen Fehler.» Und Röthlin nennt einen weiteren Grund, warum lange Gästelisten kontraproduktiv sind: «Die Gäste nützen im Klub, nicht draussen.» Muss der Türsteher Hunderte von Namen durchgehen, geht kostbare Zeit verloren. Zeit, in der Drinks geordert werden könnten.

«Gästelisten radikal abschaffen»

Vor einem Jahr hat der Club Q seine Gästeliste abgeschafft und mit Friendsoder Welcome-Listen ersetzt, die reduzierte Eintritte und Gratisdrinks versprechen. Eine Haus-Liste, wo je nach Event bis zu 150 Stammgäste notiert sind, existiert aber immer noch. Dennoch sagt Michael Läuppi vom Club Q: «Gästelisten sind völliger Blödsinn, alle Klubs sollten sie radikal abschaffen, und zwar schweizweit.» Die Klubs würden sonst völlig unnötig Geld verschenken.

Ein gewisses Verständnis für Klubs, die dicke Gästelisten führen, hat Szenekenner und «Ronorp»-Kolumnist Alex Flach: «Wenn die Besucherzahlen stetig sinken, packt den Klubbetreiber früher oder später die nackte Überlebensangst. Nichts tötet einen Klub rasanter als eine Tanzfläche, die öfters mal leer bleibt.» Allerdings sei das Öffnen der Türen für alle eine kurzsichtige Lösung. «Langfristig ruiniert es den Ruf eines Klubs.» In Zürich hätten das die meisten Klubs begriffen und würden auf eine Abnahme der Publikumszahlen mit Mehrinvestitionen in Acts und Ambiente reagieren. «Auch im Nachtleben setzt sich auf Dauer nur Qualität durch.»

Nur Stammgäste feiern gratis

Mit dieser Strategie fahren auch die Betreiber des neuen Klubs Jade an der Brandschenkestrasse gut. «Wir schaffen eine Atmosphäre, für die der Gast gerne bezahlt», sagt Geschäftsführer Justin Rayani. Maximal 100 von 600 Gästen würden an einem Abend zum begehrten Stempel kommen, ohne vorher das Portemonnaie zücken zu müssen. Und das seien alles bekannte Stammgäste. Oder Leute, die vorher im Restaurant gespeist haben. Oder Leute, die am Wochenende zuvor auf dem Dancefloor oder an der Bar positiv aufgefallen sind.

Alex Flach trauert den Zeiten nicht nach, als man als semi-bekannter Zürcher Szeni gratis in Klubs kam und trank. «Wenn ich an der Coop-Kasse stehe, kann ich ja auch nicht sagen: Ich bezahle die Büchse Ravioli nicht, weil ich in der Detailhandelsszene über ein gewisses Renommee verfüge.»

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