Feueralarm?
Von Matthias Bachmann. Aktualisiert am 21.07.2010
Jamaika macht es Fremden schwer. Reggae ist, vor allem in der Dancehall-Variante, ein derart überdrehtes und selbstbezogenes Gerangel um Extravaganz und Einmaligkeit, dass den Künstlern so etwas wie Verstandenwerdenwollen über die Inselgrenzen hinaus meist gar nicht in den Blick gerät.
Zu den Ausnahmen zählen Morgan Heritage. Ihr Reggae erschliesst sich dem Rockohr so einfach wie ein Teller Spaghetti dem globalisierten Gaumen. Dafür sorgen Funkrock-Beats, jaulende Gitarren und soulige Vocal-Arrangements. In den Texten nehmen sie schon einmal einen weissen Inselbesucher an der Hand und zeigen ihm druckvoll rockend, aber geduldig Jamaikas Kehrseiten. Diese kulturvermittelnde Art kommt nicht von ungefähr: Die Morgans wuchsen in den USA auf. Sie waren sagenhafte 29 Kinder eines ausgewanderten Jamaikaners, der sie im Rastafari-Glauben erzog. Gleichzeitig gingen sie aufs College und hörten Van Halen. Erst 1995 zogen sie nach Jamaika.
Dort arbeiten Morgan Heritage nun allerdings auch mit den harten Jungs zusammen. Zum Beispiel mit Capleton. Capletons Lieblingswort ist «fire», und das speit er in seinen Dancehall-Songs seit 20 Jahren gegen «Babylon». Unglücklicherweise punktuell auch gegen Homosexuelle. Dies bringt ihm international Ärger ein, den er so wenig versteht wie die Kritiker seine Repliken verstehen.
So geht das mit Jamaikas Kulturverständigung. Fest steht: Im Feld des fauchenden Zeterns durch waghalsige Harmonien ist und bleibt Capleton ein Meister. Und auch wenn er sich mittlerweile gern als rootsgeerdeter, altersmilder Frauenschwarm-Rasta gibt: Sein Dancehall kickt.
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