Tages-Anzeiger



Der runde Rap-Tisch

Von Reto Baumann und Adrian Schräder. Aktualisiert am 26.02.2010

Aightgenossen.ch, das wichtigste Hiphop-Internetportal der Schweiz, wird zehn. Zeit für eine Standortbestimmung: Wo steht der Schweizer Rap heute?

Jubaira Bachmann, 32, erwarb sich schon früh als Berichterstatterin und Förderin einen Namen inner- und ausserhalb der Schweizer Hiphop-Szene.

Jubaira Bachmann, 32, erwarb sich schon früh als Berichterstatterin und Förderin einen Namen inner- und ausserhalb der Schweizer Hiphop-Szene.


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Der «züritipp» diskutiert mit den Rappern E.K.R. und Bandit, der Hiphop-Expertin und Fernsehfrau Jubaira Bachmann sowie dem Aightgenossen.ch-Gründer Florian Rieser.

Jubaira Bachmann, Sie haben beim Fotoshooting eben beklagt, der Schweizer Hiphop sei heute viel zu cool. Wieso?

Jubaira Bachmann: Ich meine da weniger die bekannten Gesichter als vielmehr den Nachwuchs. In den meisten der Hiphop-Clips, die wir bei MTV bekommen, gehts vor allem um Selbstdarstellung. Viele Rap-Kids sind frustriert, dabei aber brutal cool.

Was hat sich verändert? Die Selbst- darstellung, die Selbstüberhöhung ist ja seit je zentraler Bestandteil des Hiphop.

Bachmann: Früher haben das Können und die Liebe zur Hiphop-Kultur die Selbstdarstellung gestützt. Heute ist vieles nur noch Behauptung. Die Botschaft ist: Ich bin da, schliesslich gibts ein Video von mir. Ob einer rappen kann, ist oft nebensächlich.

Florian Rieser: Früher musste einer an zehn Hiphop-Jams gehen und 20 weitere Auftritte haben, erst dann hat man ihn wahrgenommen. Heute kann jeder im Interdiscount für 250 Franken eine Handy-HD-Cam kaufen und dann mit seinen Kollegen im Vorgarten posieren. Und ein Video ist schneller auf die Youtube-Seite geladen als ein Demotape gemacht.

E.K.R.: Verändert haben sich auch die Vorbilder. Heutige Kids haben Bushido und Massive gesehen, früher blickten sie zu LL Cool J oder Public Enemy hoch. Die hatten doch eine wesentlich positivere Ausstrahlung.

Bandit: Viele haben heute das Gefühl, im Hiphop gehe es in erster Linie darum, eine grosse Klappe zu haben und die richtigen Kleider zu tragen. Was mal ein Code war, hat aber keine Bedeutung mehr. Alle laufen heute mit dicken Jacken und breiten Hosen rum. Apropos Eigenständigkeit: Früher war es absolut tabu, andere zu kopieren. Landet aber heute einer eine Hitsingle, dann tönen alle anderen in den folgenden 20 Monaten auch so.

Das klingt jetzt alles schwer nostalgisch.

Bandit: Man muss unterscheiden. Verloren gegangen sind für die Hip-hop-Bewegung zentrale Werte wie Respect, Peace, Unity. Hiphop ist aggressiv geworden. Seine sonnigere, kreativere Seite geht heute oft vergessen. Rein musikalisch empfinde ich Hiphop heute aber als offener. Wo Underground-Rapper gerne Scheuklappen aufsetzen, weil sie ja nicht kommerziell tönen wollen, da passieren im Mainstream Neuerungen. Hiphop ist trotz der gegenseitigen Kopiererei überraschender geworden, seit er in den Charts angekommen ist.

Charts und Hiphop - das heisst in der Schweiz Bligg und Stress.

E.K.R.: Für mich klingt Stress ja Boney-M.-mässig. Das ist Pop, nichts für mich. Ich will ja nicht, dass meine Grossmutter mein Album lässig findet. Aber natürlich öffnet sein Erfolg für die Szene auch Türen. Allerdings find ichs typisch, dass ein französischsprachiger Rapper im Unterschied zum deutschsprachigen zigmal täglich im Deutschschweizer Radio gespielt wird. Es ist Hintergrundmusik, die Leute in der UBS können zu diesem Sound weiterarbeiten. Bei einem Stück von mir drehen 40 Leute schon beim ersten Satz den Kopf.

Bandit: Auf Schweizerdeutsch hätte Stress kaum denselben Erfolg, das seh ich auch so. Sobald die Leute dich verstehen, fühlen sie sich bedrängt, angegriffen, angesprochen, abgelenkt.

Was ist denn mit Bligg? Den versteht man.

Bandit: Ja, aber wenn er nicht den Sepp am Hackbrett hinter sich hätte, würde er auch nicht 120'000 Alben verkaufen. Das weiss er. Das ist der Weg, für den er sich entschieden hat, und das ist in Ordnung so. Aber für mich ist das zu berechnend.

Rieser: Hiphop ist seit je offen, also auch für Volksmusik, aber wenn einer kommt und bewusst das Handörgeli auspackt und bewusst darauf guckt, dass er kein böses Wort in seinem Songtext hat, dann wenden sich die echten Hiphop-Fans 180-Grad ab. Das ist in dieser Szene seit je so. Die pocht extrem auf Authentizität.

Bachmann: Bligg geht seinen Weg als Entertainer, nicht als Hiphopper.

Bandit, Sie haben Mani Matter gecovert. Ist das nicht auch Folklore?

Bandit: Keineswegs. Mein Matter-Cover ist eine Hommage an ihn, für mich ist er einer der absolut grössten Schweizer Künstler. Auf meiner Myspace-Seite erweise ich auch Michael Jackson die Ehre. Das sind keine Marketinggags. Ich mache daraus kein Konzeptalbum. Ich ziehe bloss vor meinen Helden den Hut. Bachmann: Welchen Stilen sich ein Hiphopper auch öffnet - nie darf er sich für seine Musik rechtfertigen. Er macht, was er cool findet, egal, was kommt. Das ist die Essenz von Rap.

Es gab auch den Versuch, harten Rap hier zu etablieren. Warum gibt es keine Bushidos und Sidos in der Schweiz?

Bandit: Dafür ist die Schweiz zu klein.

E.K.R.: Das seh ich nicht so. Ich glaube, dass einer wie Griot, der vor zwei Jahren etwas Vergleichbares gemacht hat, zu früh da war. Wir hinken Deutschland generell gut zwei Jahre hinterher, und Amerika zehn.

Also wird der Gangsta Rap verspätet kommen?

Bandit: Nein, das ist vorbei.

E.K.R.: Gangsta Rap ist vielleicht der falsche Begriff. Aber roher, ungehobelter Strassenrap ist meiner Meinung nach durchaus im Kommen. Aber da habe ich vielleicht ein eingeschränktes Sichtfeld. Ich sehe vor allem die Kids auf den Schulhöfen der Stadt Zürich. Die wollen knallharten, ignoranten Rap.

Bandit: Nur ignorant sollte der Rap nicht sein. Die Leute wollen doch niemanden mehr hören, der einfach nur austeilt.

E.K.R.: Ich glaube, Sido und Bushido hätte man in der Schweiz totgeschwiegen. Viele Medien haben über mich erst berichtet, als ich mit EMI eine grosse Plattenfirma im Rücken hatte. Vorher haben die sich gedacht: «Hilfe, da erzählt einer irgendwas von Huren und Kokain, damit wollen wir gar nichts zu tun haben!»

Hiphop ist eine Machodomäne.

E.K.R.: Das ist wohl so, ja. Es gibt aber Frauen: Big Zis macht ihr Ding super. Und mit Steffe la Cheffe aus Bern und G-String von GesetZHlos aus Zürich sind derzeit neue, vielversprechende Künstlerinnen im Kommen.

Bachmann: Man muss einfach tough sein und sein Ding durchziehen, völlig kompromisslos. Der Wettbewerb gilt für Männer wie für Frauen. Die meisten Frauen aber haben nicht begriffen, dass man als Neuling nicht nur nahe an den Standard herankommen, sondern diesen übertreffen muss.

Apropos Standard: Wo steht der Schweizer Hiphop international?

Rieser: Wir befinden uns momentan an einem Wendepunkt. Viele, die seit Jahren dabei sind, haben realisiert, dass man bei uns nicht reich wird mit dieser Arbeit. Jetzt geht es zurück zum Spass, zum Hobby, das man aus Liebe betreibt. Ich erwarte ein Gesundschrumpfen, wie es in Deutschland stattgefunden hat.

E.K.R.: Es ist auch positiv, dass es hier nicht ums grosse Geld geht. Das beeindruckt auch die Amis. Die finden, hier zähle noch viel mehr die Sache. Niemand muss hier den billigen Max im Warenhaus machen. Und die Qualität ist relativ hoch, was Musik, Graffiti und Breakdance betrifft. Einige können international mithalten.

Bachmann: Ein Beispiel: Ich war vor zehn Jahren an einem Freestyle-Battle im X-tra zusammen mit einem Redaktor des damals weltweit führenden Hiphop-Magazins «The Source». Er hat zwar nichts verstanden, war aber gerade von Bandit begeistert. Das ist für mich ein TÜV-Stempel.

Wenn der Markt schrumpft: Was unternehmen Sie da als Mitbetreiber eines Plattenlabels, Florian Rieser?

Rieser: Als Firma mit zehn Leuten können wir von den CD-Verkäufen nicht leben, zumal die in den Keller fallen. Darum verticken wir nun über unseren Onlineshop Hiphopstore.ch Turnschuhe, Baseballcaps, Kleider. Rein finanziell gibt es interessantere Modelle, als CDs von Schweizer Rappern zu verkaufen. Dass wir es trotzdem tun, wenn auch quersubventioniert über den Absatz von Turnschuhen, ist ein Bekenntnis zur Musik.

Ihre Website heisst Aightgenossen.ch, das Label Nation Music, E.K.R.s Label Familiebetrieb. Da wird viel Gemeinschaft beschworen. Wieso ist der Begriff der Familie zentral im Hiphop?

Bachmann: Loyalität gehört zu den Grundprinzipien des Hiphop.

E.K.R.: Wir leben in einer Ego-Gesellschaft. Jeder denkt nur an sich. Die Kinder werden oft vergessen. Diese Kinder - und dazu zähle ich mich auch - suchen dann eine Ersatzfamilie. Die bestand bei mir aus Freunden, sie war multikulti, ein Mix aus verschiedenen Einflüssen, Sprachen und Kulturen. Im Nachhinein ist das eine positive Erfahrung. Auch wenn ich damals mit 14 durch die Strassen gezogen bin und dummes Zeug gemacht habe.

Innerhalb der Schweizer Hiphop- «Familie» gab es aber immer wieder Konflikte, die nicht nur schön brüderlich verliefen: Stadt-Land-Konflikte, Ausverkaufs-Vorwürfe, persönliche Fehden. Wo stehen wir heute?

E.K.R.: Konflikte gibt es in jeder Familie. Das ist gut so, fördert den Dialog. Manchmal muss man auf den Tisch hauen. Gerade die sportliche Auseinandersetzung finde ich am Hiphop so attraktiv. «Komm, wir rennen jetzt 100 Meter weit und schauen, wer schneller ist.»

War schon mal einer schneller?

E.K.R.: Nein. (lacht) Aber viele der «familieninternen» Konflikte entstehen aus Missverständnissen. Mir wurde zum Beispiel nachgesagt, ich hätte ein Problem mit Studentenrap. Das ist völlig übertrieben. Ich liebe einfach ignoranten Rap. Ich finde das intelligenter. Es braucht eine gewisse Intelligenz für gute Ignoranz. Mir muss doch keiner erzählen, dass es gut ist zu recyceln oder dass es schön wäre, Weltfrieden zu haben. Das weiss sogar mein eineinhalbjähriger Sohn.

Rieser: Diese ganzen kleinen Fehden haben einen sehr natürlichen Ursprung. Man wächst mit einer Clique auf und wird mit den Jahren zur Familie zusammengeschweisst. Klar betrachtet man alle anderen Familien erst mal kritisch. Richtig böse waren diese Konflikte hier aber nie.

Aber die Glarner, die Bündner und die Zürcher Familie sind erst mal verfeindet?

Alle: Nein, absolut nicht.

Rieser: Es gibt bloss viele Riesenegofamilien.

Bachmann: Aus der Glarus- oder Graubündenecke habe ich dieses Gefühl nie vermittelt bekommen.

Die Städter aber glauben, sie müssten ihre Pfründe verteidigen?

Bandit: Ich als Glarner persönlich hab das gar nie so wahrgenommen. Für mich ist Hiphop grundsätzlich Wettbewerb. Bevor ich Alben gemacht habe, habe ich mich zehn Jahre lang an Freestyle-Battles mit anderen gemessen. Das hat fasziniert mich am Rap. Dass man sich hinstellt und sagt: «Ich bin der König, du bist der Bettler.»

Rieser: Grundsätzlich hat der Schweizer Hiphop immer am besten über Lokalpatriotismus funktioniert. E.K.R. verkauft am meisten CDs in Zürich, Bandit am meisten in Glarus, die Sektion Kuchikäschtli am meisten im Bündnerland. Das war immer schon so. Das wird auch bleiben.

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4 KOMMENTARE

Kuede Borni

Das Wehklagen der schweizer Rapper ist mir langsam zu viel. Man kann die Szene hier nicht vergleichen mit z.B. jener aus Frankreich. Das liegt aber nicht an der Kleinräumigkeit des Landes oder den sondern an der Kreativität der Künstler. Um nur ein Beispiel zu nennen: Mokobe (von 113), der geht neue Wege und bringt den Hiphop so wieder ein Stück weiter. Ob krass oder nicht, kreativ muss es sei


Julian Kaufmann

Das grösste Problem in der Schweizer Rapszene liegt meiner Ansicht nach wirklich am übertriebenen Kantönligeist. Die Künstler des eigenen Kantons werden gehypet und sobald z.B. ein Solothurner in Bern ein Konzert gibt, wird er gehatet. Es gibt einige Beispiele, die das Gegenteil beweisen. Aber viele kreative Künstler (die gibt es auch in der Schweiz) bekommen so gar nie eine reelle Chance.


Philip Reding

da hatte manches auch schon ganz anders getönt und kam dabei wesentlich authentischer rüber


N1zAG CoolTon

Schweizer Rap wird zu sehr besprochen und zu wenig gefeiert. Ein problem der Mentalität?



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