Verliebter Wachmann
Von Andreas Scheiner. Aktualisiert am 14.10.2009
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Trailer
Riesen habens schwer. Sei es in der Mythologie, im Märchen, der Bibel oder im Comic - immer werden sie gefürchtet. Und wenn sie die Contenance verlieren, wie etwa der Comic-Mutant Hulk, machen sie ganz viel kaputt. Im Unterschied zu Hulk wird die Hauptfigur in «Gigante», der grosse, dicke Wachmann Jara (Horacio Camandule), nicht grün vor Ärger; als Heavy-Metal-Fan trägt er stets schwarz. Aber wie Bruce Banner, das menschliche Gesicht von Hulk, hat auch Jara mit seiner inneren Wut zu kämpfen. Wie die Comicfigur ist er ein stiller Einzelgänger, der unter Liebesentzug leidet.
Sicherheitsbeamter wird zum Voyeur
Jara arbeitet als Sicherheitsbeamter in einem Supermarkt. Er sitzt nächtens einsam in einem Kämmerchen, Kopfhörer auf, und löst Kreuzworträtsel. Wenn er gelegentlich einen Blick auf den Bildschirm wirft, sieht er die Putzfrauen bei der Arbeit. Manchmal ertappt er eine der Frauen dabei, wie sie etwas aus dem Regal klaut. Dass er nichts dagegen unternimmt, ist nicht etwa Folge seiner Trägheit, sondern dem Umstand geschuldet, dass er ein lieber Kerl ist. Eines Nachts entdeckt er auf dem Monitor eine neue Putzfrau (Leonor Svarcas) - und verliebt sich in sie. Schüchtern wie er ist, traut er sich nicht, die zierliche Frau anzusprechen. Erst überwacht er jede ihrer Bewegungen mit den Kameras. Dann beginnt er, die Observierung auszuweiten: Er folgt ihr auf dem Heimweg, ins Internetcafé, oder ins Kino, wo sie sich nicht etwa für den Liebesfilm entscheidet, sondern für den Monsterfilm «Mutant».
Zwischen Liebe und Besessenheit
Wie Jara in der Reihe hinter ihr sitzt und sie beobachtet, während sie gebannt die Monster auf der Leinwand anstarrt, ist eine bezaubernde Szene. So konzentriert Jara jede ihrer Bewegung verfolgt, so gespannt fragen wir uns, ob er sie irgendwann ansprechen wird. Aber die Chancen stehen schlecht, denn im Debütfilm des in Uruguay lebenden Argentiniers Adrián Biniez wird kaum gesprochen. Nicht nur kann sich Jara kaum artikulieren; wir fürchten auch, dass der verliebte Voyeur zu einem besessenen Stalker werden könnte. Dass er zu einem unkontrollierbaren Hulk mutiert.
Biniez bewegt sich sehr kontrolliert auf dem Grat zwischen Liebe und Besessenheit. In der Tradition eines Aki Kaurismäki komponiert er liebevolle lange Einstellungen und schafft damit stille Tragikomik. Den Überwachungswahn im Zeitalter von Google Earth lässt er nur beiläufig einfliessen. Die Omnipräsenz von Kameras ist schliesslich längst alltäglich. Biniez hält sich inhaltlich wie formal angenehm zurück; «Gigante» ist gekonnt reduziertes Kino, charmant, einnehmend. An der Berlinale wurde das Erstlingswerk mit dem Preis für das beste Debüt und dem Silbernen Bären bedacht.
Gigante
| Regie: | Adrián Biniez |
| Produktion: | Argentina, Germany, Spain, Uruguay 2009; 84 min. |
| Genre: | Drama |
| Erstaufführung: | 15.10.2009 |
| Darsteller: | Horacio Camandule, Leonor Svarcas, Ignacio Alcuri, Fernando Alonso, Diego Artucio |
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2 KOMMENTARE
Martin Derungs
Schöner Film, langsam, meistens eher still. Man beobachtet neugierig, was passiert, genau wie der Hauptdarsteller. Eindruck vom Leben der einfachsten Angestellten in Montevideo. Der Film ist durchgehend spannend, und fast immer muss man lachen oder schmunzeln. Lakonisch-genaue Erzählweise. Warmherzig.
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