Angenehm aufmerksam
Von Daniel Böniger. Aktualisiert am 09.06.2010
Der Mantel wird einem abgenommen und in die Garderobe gehängt. Der Service trägt zum Aufdecken weisse Stoffhandschuhe. Und zum Gedeck gehört ganz selbstverständlich eine weisse Stoffserviette, ein Brotteller und gesalzene Butter. Der Gast wählt übrigens sein Brötchen aus einem Korb selber aus. Im neu eröffneten Jade an der Brandschenkestrasse gibt man sich ordentlich Mühe. Eine tolle Leistung, bedenkt man, dass die Mittagsmenüs weniger als 30 Franken kosten.
Bankerinnen und Bürolisten
Freitag- und Samstagnacht ist das Jade ein Club, unter der Woche funktioniert der Betrieb in der ehemaligen Poststelle Selnau als Speiserestaurant: Weil die Räume tagsüber lichtdurchflutet sind, gebe es für Restaurantgäste keine Hemmschwelle, verriet Dani Gasser, einer der Gastgeber, jüngst auf der Clubseite des «züritipps».
Tatsächlich ist das Jade bei einem ersten anonymen Testbesuch bis auf den letzten Platz mit Bankerinnen und Bürolisten ausgebucht. Doch entdeckt man bei der Essenszubereitung noch einzelne Unstimmigkeiten: Die Randensuppe mit Kreuzkümmel und einem Stück Geisskäse ist köstlich, aber leider zu kalt. Der mediterrane und eigentlich süss-saure Auberginen-Eintopf Caponnata wird gar eigenwillig interpretiert; aufgetragen wird eine halbe gebackene Aubergine, die mit Zucchetti-Tomaten-Sauce nappiert ist. Der Kräuterreis als Beilage dazu ist leider zu trocken geraten und etwas knapp portioniert.
Beim zweiten Besuch überzeugender
Wahrscheinlich sind die genannten Punkte Kinderkrankheiten. Denn bei einem zweiten Testbesuch über Mittag ein paar Tage später überzeugt das Essen: Zuerst wird eine Grünerbsensuppe mit Speckeinlage serviert. Diesmal kommen als Hauptgang Fettuccine auf den Tisch; die Pasta hat einen angenehmen Biss, die Rahmsauce mit viel Rauchlachs und Dill vermag zu überzeugen.
Zum abschliessenden Kaffee wird selbstverständlich ein Glas Wasser serviert. Und beim Verlassen des Lokals dem Gast in den Mantel geholfen und die Tür aufgehalten. Das ist ganz viel Liebe zum Detail. Wenn das so bleibt, dürfte das Jade als Restaurant sicher Bestand haben.
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