Bis auf die Netzhaut
Von Corina Freudiger. Aktualisiert am 03.03.2010
«Mich interessiert die Musik des Lichts, das Tempo der Geräusche», sagt Regisseur, Autor und Bühnenbildner Lukas Bangerter. Das hört sich versponnen an, ist bei Bangerters Gruppe Plasma aber szenisches Programm: Licht, Video, Sprache, Schauspiel, Kulisse und Musik fliessen dort zusammen zu einem performativen Gesamtkunstwerk. Seit zehn Jahren folgt Plasma diesem Prinzip, wird damit an Festivals im In- und Ausland eingeladen und euphorisch besprochen. Das aktuelle Projekt - Nr. 13 - trägt den Namen «ID - eine biometrische Theaterinstallation» und befasst sich mit Identität. Mit der immer grösser und feingliedriger werdenden Registrierung und Verwertung von Identität, genauer gesagt. Und weil Plasma Plasma ist, kann man in der Gessnerallee nicht einfach das Billett kaufen und auf seinen Sitz zusteuern, sondern wird erst mal durch «den Apparat» geschleust; eine labyrinthartig an- gelegte Erfassungsmaschine, die sich hinter der Bühne erstreckt, wo einem Geräte und Schauspieler Fingerabdrücke abnehmen, die Iris scannen, wo es piepst und lasert, bis man zwar überall abgespeichert ist, aber schon fast nicht mehr weiss, wo man steht.
Keine Angst, dann kann man sich setzen und zuschauen, wie die Betreiber «des Apparats» diesen mit Informationen versorgen. Und Fragen aufkommen lassen. Denn ist es mittlerweile nicht umgekehrt? Wenn Computer uns aufgrund unseres Profils Bücher und Ferien empfehlen - lassen wir sie rechnen, oder berechnen sie uns? Hat man überhaupt noch eine Identität, wenn man seine Passnummer nicht mehr findet? Sind wir noch wir selbst, oder werden wir von Maschinen definiert? Die Geschichte der menschlichen Erfindung, die ausser Kontrolle gerät, ist mindestens so alt wie Frankensteins Monster. Plasmas «ID» erzählt sie in einer sehr aktuellen Form. Und wie!
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