Alles koscher
Von Hannes Grassegger. Aktualisiert am 14.12.2011
Infobox
Schön geschrieben
Ausstellung zu jüdischer Schriftkultur: Schöne Seiten – Manuskripte aus der Braginsky Collection. Bis 11. März 2012 im Landesmuseum Zürich.
Hell beleuchtet
Jüdisches Lichterfest feiern: Chanukka-Kerzen anzünden mit Sholom und Mendel Rosenfeld auf dem Hechtplatz. 22. Dezember, 18.30 Uhr.
Gut geführt
The Jewish Mile – Tours durchs heutige Schtetl, Informationen und Kurse zum Zürcher Judentum auf www.zuercher-lehrhaus.ch.
Es ist Samstagmorgen, gegen zehn. Im Kellergeschoss des Chabad-Esra-Zentrums ist der Gottesdienst lautstark in Gang. Links sind die Männer, mit Kippa und weissem Gebetsschal über Anzug mit Krawatte. Rechts sind die Frauen, mit Hut oder Perücke. Für sie gibt es keine Pflicht zum Gottesdienst. An die 40 Gäste beten, singen, tuscheln. Weitere Besucher trudeln ein. Seelenruhig steht Rabbi Sholom Rosenfeld, voller weisser Bart und schwarze Samtkutte, in der Nähe des altarähnlichen Lesepultes. Er achtet auf den Ablauf, hält eine Predigt, geht auf die Leute zu. «Gibt es jemanden, der krank ist? Wer? Menachem!» Dann betet er für den Mann, und alle bekräftigen das Gebet mit einem gemeinsamen Amen.
Gleichzeitig liest ein Vorbeter im typischen Singsang aus der Thora vor. Beim Sabbat-Gottesdienst wird die Heilige Schrift mit den fünf Büchern Mose durchgegangen. Gemeinsam. Auch Kinder tragen vor, übernehmen Aufgaben. Ein kleiner Junge schiebt stolz die Vorhänge des Thora- schreins beiseite. Die Thorarollen sind das Heiligtum einer Synagoge. Sie werden von Hand auf Pergament geschrieben, müssen makellos sein. Eine Rolle kostet bis zu 50 000 Franken, viele Synagogen leihen sich diese auch. Eine eigene, neue Thora ist ein Riesenfest. Das Judentum ehrt das Heilige Buch so sehr, dass man die Thora nur mit dem silbernen Zeigefinger «Jad» oder durch das Gebetstuch berührt. Und eine schadhafte Thora muss rituell beerdigt werden.
Es begann in den Strassen von Brooklyn
Wenige in Zürich feiern einen so lebhaften Sabbat wie die Lubawitscher. Diese Bewegung stammt aus einer ostjüdisch-chassidischen Tradition. Innerhalb der Zürcher Orthodoxie hat Sholom Rosenfeld zusammen mit Bruder Mendel, der die Bewegung 1983 in die Schweiz brachte, eine eigene Rolle. Sie wollen Juden aller Ausrichtungen zusammenbringen und sie zu einem religiösen Leben führen. Lubawitsch oder auch Chabad hat weltweit Tausenden Zentren bis nach Tansania. Wo es Cola gebe, gebe es Chabad, sagt man. Ziel der Bewegung sei es, Juden die Schönheit des Judentums zu zeigen, erklärt Rosenfeld. Er begann seine Karriere als junger, engagierter Rabbiner in den Strassen von Brooklyn und pflegte fremde Menschen zu fragen, ob sie Juden seien und nicht Lust hätten, mal wieder in die Synagoge zu kommen.
Sein Gottesdienst endet gegen zwölf, dann spricht Rosenfeld seinen Segen über den Wein am koscheren Buffet. Züritüütsch, Englisch, Französisch, Ivrit ist zu hören. Es wird angestossen mit Wodka und Cola, gelacht, geschnattert und diskutiert. Der Rabbi ist überall, sorgt für gute Stimmung, stellt Ärzte, Schriftsteller, Textilhändler und Bildhauer einander vor und plaudert mit einem Financier, der zurzeit im Landesmuseum seine Sammlung von alten Schriften ausstellt. Nachdem fast alle Synagogenbesucher gegangen sind, geht plötzlich das Licht aus. Die Zeitschaltuhr ist ein fester Bestandteil vieler jüdischer Haushalte. Kein orthodoxer Jude darf am Sabbat einen Lichtschalter betätigen.
Fünf Gemeinden, eine Stadt
Das Judentum ist eine hochdifferenzierte Religion, die viele Regeln kennt und von aussen oft falsch verstanden wird. Fünf grössere, unterschiedlich ausgerichtete Gemeinden existieren in Zürich: von der Jüdischen Liberalen Gemeinde mit weiblichem Rabbiner über die grösste, formal orthodoxe, eher konservative Einheitsgemeinde ICZ bis zur Agudas Achim, der ultraorthodoxen, ostjüdisch geprägten Gemeinde ohne Frauenstimmrecht, die als privater Verein auf staatliche Anerkennung verzichtet. Auch Winterthur hat eine lebendige Gemeinde, die IGW.
Juden wollen niemanden überzeugen, ihre Regeln gelten nur für sie. Da Judentum über die mütterliche Seite vererbt wird, gibt es keine Missionsbewegung. Seit hundert Jahren stagniert die Zahl der Juden in der Schweiz: 18 000 – dies trotz stetigem Bevölkerungswachstum. Dies hat verschiedene Gründe: So sind die meisten jüdischstämmigen Schweizer integriert, wenig religiös und gehen Mischehen ein. Der Nachwuchs nicht jüdischer Mütter fällt aus der Kalkulation, genauso wie jene, die einfach aussteigen. Religiöse Juden wie Sholom Rosenfeld versuchen daher, das Volk Israel durch strenge Praxis und innerjüdische Heirat zu erhalten. Viele, auch Nichtorthodoxe, finden sich über die international ausgerichtete Onlineplattform JDate, bei der man sein Profil mit der religiösen Ausrichtung versehen muss.
Zwei Juden, drei Meinungen, sagt ein Sprichwort. Niemand in Zürich steht für «das Gesicht» des Judentums. Auch Rabbiner Sholom Rosenfeld fühlt sich nur als ein kleiner Teil des jüdischen Mosaiks in Zürich. Aber er mag integrative Orte. Zum Beispiel das jüdische Altersheim Sikna. Hier, ganz in der Nähe des Triemlispitals, verbringen liberale wie strikt orthodoxe Zürcher Juden gemeinsam ihren Lebensabend. Täglich kommt Rosenfeld unangekündigt im Seniorenzentrum vorbei und checkt, ob in der Küche alles koscher ist. Eine komplizierte Aufgabe. Die Küche ist unterteilt in eine Fleisch- und Milchsektion, alle Utensilien sind entsprechend markiert und existieren doppelt. Wird Besteck verwechselt, muss Rosenfeld die Wiederverwendbarkeit prüfen. Salat wird vierfach gereinigt, damit garantiert kein Käfer im Grünzeug steckt, Teig muss gesegnet werden. Koscheres Züri-Gschnätzlets wird ohne Rahm zubereitet, koschere Spaghetti bolognese bleiben ohne Parmesan. Wenn was schiefgeht beim Kochen, klingelt Rosenfelds Handy. Bis zu dreissig Prozent Mehraufwand bedeute die Einhaltung der Regeln, schätzt der nicht jüdische Küchenchef. Stundenlang führt der Rabbi durch getrennte Kühlkeller, zeigt die entsprechenden Markierungen der Lebensmittel. Sogar koscheren Bergkäse gibt es. «Zwei Zürcher Gemeinden stellen Produkte-Listen bereit, die von einem Rabbiner in Luzern konstant nach den Kaschrut-Gesetzen überprüft werden.» Wenn ein Jude im Supermarkt lange eine Ware betrachtet, versucht er sich wahrscheinlich zu erinnern, ob das jetzt verflixt noch mal auf der Liste ist.
Seelsorger, Coach und Mediator
Rabbi zu sein, ist ein Vollzeitjob. Im Sommer leitet er Jugendcamps. Und Chabad organisiert das jährliche chassidische Musikfestival. Die Bewegung ist spendenfinanziert. Der Posten beim Seniorenzentrum, verbunden mit Kursen zum Umgang mit jüdischen Senioren für die Angestellten, ist wichtig für den alleinverdienenden, achtfachen Familienvater. Sein Alltag ist dicht besetzt, ständig ist er unterwegs. E-Mails sendet der Rabbi per iPhone. Zusätzlich zu Gebetsrunden morgens und abends gibt der Rabbi Thoraunterricht. Und: «Ich bin Seelsorger und Coach, fahre zu Kranken ins Spital, schlichte als Mediator.» Ein Rabbi müsse merken, wann man Verantwortung an Profis abgeben müsse. «Er muss seine Grenzen kennen», sagt Rosenfeld. Sein Ziel sei, Menschen zu einem guten jüdischen Leben zu verhelfen. Dann zischt er im schwarzen Smart ab. Den Erstwagen, einen Van mit acht Plätzen, hat seine Frau. Damit fährt sie jeden Dienstag in die Migros zum Grosseinkauf.
Das Resultat lässt sich an Sholom Rosenfelds Sabbat-Essen am Freitagabend bewundern. Das Fest ist der zweithöchste jüdische Feiertag. «Das hier ist ein ganz normaler Sabbat», erklärt Frau Rosenfeld, als sie an die fast fünf Meter lange, für 13 Leute gedeckte Tafel führt. Eine Handvoll Gäste sind da, Juden aus Kanada, Österreich und Deutschland. Beim letzten Einkauf habe sie für hundert Franken Cumulus-Punkte eingelöst, sagt die Hausfrau und Mutter von acht Kindern. «Mich kennen die meisten Kassiererinnen. Wenn nicht, fragen sie immer dasselbe: Gibts Party?»Chanie Rosenfeld kommt wie ihr Mann aus Brooklyn. 1991 zog sie mit nach Zürich. So weit weg vom jüdischen Epizentrum zu sein, war nicht geplant. Aber sonst hätte es «nur Rabbinerjobs in der Wüste gegeben», Las Vegas oder Minnesota beispielsweise. Seit dem Tag nach der Hochzeit trägt Chanie Rosenfeld die Perücke über ihrem Langhaarschnitt. Meistens lasse sie die auch zu Hause auf. «Praktisch, falls Besuch kommt.»
Ein Händewaschritual, dann Schweigen
Vor dem Essen gibt es ein kompliziertes Händewaschritual, das vorschreibt, anschliessend zu schweigen, bis Papa den Segen über zwei Mohnzöpfe gesprochen hat. «Bring mal so viele Juden zum Schweigen», lacht eine der Töchter, bevor alle die Lippen zusammendrücken. Dann wird aufgetischt. Ein Gang nach dem anderen. Es gibt Auberginenmousse mit viel Knoblauch, Randen mit Meerrettichsauce über gebackenem «Gefilte Fisch», etwa ein Dutzend Salate, Hühnchenschlegel. Alles milchfrei, vorgekocht und warm gehalten auf Stufe eins.
Zwei Kinder sind derzeit im Ausland zur Ausbildung. Man redet über Verwandte aus aller Welt, ein Fotoband zeigt die Familie in den USA, Italien, Israel. «Ich habe etwa hundert Cousins und Cousinen», schätzt die älteste Tochter. Sie tätschelt ihren Vater. Der lacht. «Meine Kinder sind meine Ersparnisse», ruft er fröhlich, «ich habe nichts auf dem Konto, aber ich habe sie.»
«Sogar Moses hat Gott herausgefordert»
Die Kinder toben auf dem Sofa, die Töchter reden über H & M, ein Gast fragt, ob Religion nicht einfach menschengemacht sei, Sholom Rosenfelds dritte Tochter hält lebhaft dagegen. Das Hinterfragen sei im Judentum wichtig, meint der Vater: «Sogar Moses hat Gott herausgefordert.» Gegen elf werden die Augen des Rabbi kleiner und kleiner.
Sabbat sei ja Ruhetag, nichts Schöpferisches, kein Feuer entfachen, laufen statt Auto fahren, sagt das jüdische Gesetz. Sholom Rosenfeld hat es gut: Er wohnt gleich gegenüber der Synagoge. Der Arbeitsweg des vielbeschäftigten Mannes ist entsprechend kurz.
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13 KOMMENTARE
Mein Gott welches Selbstbewusstsein wird hier in den Kommentaren zur Schau gestellt. Kein Wunder hält sich der Symphatiesturm gegenüber diesen "Orthodoxen" weltweit in Grenzen! Shalom!
@ Fritz Meyerhans: klug gedacht - und richtig schön formuliert! Warum gibt es nicht mehr Kommentar-Schreiber wie Sie? Chapeau!
mazal tov! well captured essence and spirituality of why chabad esra is such a success story - thanks to the rabbi and chanie everyone does feel accepted and welcome, no matter how well learned one is.
@ Kurt Schmidt: Nein. Eine von Gott überlieferte Schrift lässt sich nicht ändern und modernisieren. Die Welt modernisiert sich aber, und man darf mithalten, sicher wenn man damit gutes verbreitet.
@Kurt Schmid : Woher nehmen Sie, dass das Judentum wissenschaftliche Erkenntnis ableugnet ? Dies entspricht nicht den Tatsachen. Moses Ben-Maimon, einer der grössten jüdischen Denker und Philosophen des Mittelalters war Arzt. Nehmen Sie bitte auch zur Kenntnis, dass der Wirtschaftsnobelpreis 2005 an einen religiösen jüdischen Wissenschaftler fiel, an Israel Auman. Gemäss dem jüdischen Glauben widersprechen sich Spiritualität und Forschung nicht sondern - im Gegenteil - sie ergänzen sich. Gerade die Erforschung der Wunder dieser Welt erfüllen den religiösen Menschen mit Ehrfurcht.
Jede(r) wie sie/er kann. Ein lebendiges Brauchtum ist wichtig für die Lebensgestaltung, eine richtig verstandene Religion kann vor vielen Torheiten schützen. Offen gestanden sind mir gläubige Juden, welche ihre Traditionen in Frieden leben (auch hier in der Schweiz), wesentlich lieber, als hirnverbrannte zionistische Nationalisten, welche sich nur durch Gebietsansprüche und Unterdrückung und Vertreibung anderer Ethnien definieren.
Es ist in der Tat absurd, lieber Kurt Schmid. Aus dieser Religion sind jedoch zwei andere Weltreligionen entstanden, mit ihren eigenen Absurditäten. Ein einfaches Nomadenvolk kam zu Erkenntnis, dass es nur einen Gott gibt und glaubt daran seit mehr als 5000 Jahren, trotz Verfolgungen, Progrome und Shoa. Die alten Wüstenvölker sind ausgestorben, das Judentum lebt. Und wir ... wir sind nur die Nachfolger. Warum haben wir wohl nicht den Glauben der genialen Griechen oder Alt-Ägypter übernommen? Keine Kunst steht höher, als die ihre; aber die dazugehörende Religionen sind tot. Die Spiritualität der Juden ist aber scheinbar stärker als jene vollkommenen Tempelanlagen. Der Geist war immer wichtiger, als das Material.
Zum Glück gibt es in Israel nur wenig orthodoxe Juden da sonst der Staat nie entstanden und noch weniger auf die Füsse gekommen wäre. Was da gemacht wird , ist wohl "Tradition" nur damit schützt und verteidigt man sein Land nie und nimmer.
Eine wunderbare Religion, die keinen Allmachtsanspruch pflegt, keine Kriege führt und nicht missioniert. Ist es erstaunlich, dass aus dieser Religion die intelligentesten, fleissigsten, gebildetsten und reichsten Menschen der Welt resultieren? Ist es der Neid, der diese Religion immer wieder zum schwarzen Peter für alles macht?
@ Kurt Schmid: Ist es nicht absurd, an eine Jungfrauengeburt zu glauben, an Geschichten, wo mit wenigen Broten tausende Menschen satt werden, wo Wasser zu Wein wird? Ich glaube, diese "absurde Geschichten" sind teil der historischen Tradition einer jeden Religion. Entscheidend für eine Religion sind die damit transportierten Werte, mit der sich jede Gesellschaft und jedes Individuum für sich selbst auseinandersetzen muss. Und gerade im kritischen Auseinandersetzen des Überlieferten hat das moderne Judentum meines Erachtens nach einen grossen Vorteil gegenüber dem Christentum, wo neue Lesarten offiziell immer etwas Ketzerisches haben. In diesem Sinne frohen Jahreswechsel und ein gemütliches Zusammensein mit Ihren Nächsten!
Ist es nicht absurd sich am Alten Testament zu orientieren an Kreationismus an all diese absurden Geschichten glauben, in diesem Zusammenhang jegliche wissenschaftlichen Erkenntnisse leugnen, aber modernste Wissenschaft (iPhone) nutzen um die zweieinhalbtausend jährige Botschaft zu verbreiten.


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