50 Minuten am Bahnhof Enge
Von Sandra Künzi. Aktualisiert am 20.07.2011
sandra.kuenzi@zueritipp.ch
Als ich am Bahnhof Zürich-Enge für ein Mittagsmenü anstand, flitzten zwei nackte Personen mit erhobenem Arm über den Tessinerplatz. «Moderne Faschos?», dachte ich zuerst verwirrt. Aber sie wirkten eher wie heimatverbundene Nacktsportler. Das hat man nun von den Erlebnisbahnhöfen.
Ich kam zum Schluss, es handle sich um orientierungslose Kunststudenten auf der Suche nach der ultimativen Performance, und dafür musste man wohl nicht die Polizei bemühen. Mit meinem Reisgericht betrete ich durch hohe Kupfertüren den inneren Kreis des Bahnhofs, die ehemalige Schalterhalle. Eine Kapelle, so würdig und schön, mit hoher Holzkuppel, aus der mildes Licht auf die gestressten Menschen fliesst. Der Tisch in der Mitte erinnert an die Sage vom Heiligen Gral. Auf kreisförmig angeordneten Bänken sitzen jugendliche Ritter wider Wissen und nippen an chemischen Eventgetränken aus der Dose. Kreis und Symmetrie. Dann schlendere ich mit einem Kaffee raus auf den Tessinerplatz, zur kreisrunden Sitzbank aus Holz. Von hier kann man den Bahnhof in seiner vollen Pracht bewundern: Mit seinen hohen, halbrund angeordneten Säulen wirkt das 1927 von den Gebrüdern Pfister erstellte Gebäude imposant und doch gelassen. Es besteht aus schönem Tessiner Granit. Welch sinnige Materialwahl, führte doch ab 1894 eine Zugsverbindung von Zürich-Enge ins Tessin und umgekehrt. Nicht umsonst kam der Tessinerplatz zu seinem Namen. Und dann die grosse, elegante Uhr, umrahmt von . . . Herrgott, da sind sie wieder! Die Nackten mit erhobenem Arm! Wer sind sie? Wieso tragen sie keine Kleider? Wenn Sie es wissen, bitte mailen Sie mir.



