Tages-Anzeiger



38 Minuten beim Globus-Provisorium

Aktualisiert am 20.12.2011

Unsere Kolumnistin Sandra Künzi kennt die Geschichte des Hauses an der Limmat und weiss, wie man es besser nutzen könnte.

Wenn Sie sich durch den Weihnachtsmarkt am Hauptbahnhof gekämpft haben – was mit dickem Bauch, Kinderwagen oder Behinderung sauschwierig ist –, wenn Sie also diese Rempeleien des Festes der Liebe überlebt haben, stehen Sie beim Ausgang Bahnhof- quai an einem der interessantesten Flecken Zürichs.

Da, wo jetzt eine breite Unterführung den Verkehr unter dem Bahnhofsareal durchschleust, floss früher die Limmat. Deshalb heisst das Restaurant am Ende der Unterführung auch Du Pont. Statt an der Strasse lag es einst am Fluss, über den das berühmte «deckti Brüggli» (1689–1950) direkt zur Papierwerd führte: ein schwimmendes Industrieareal mitten auf der Limmat. Neben den Seiden- und Papierfabriken wurde dort auch ein «Basar ohne Grenzen» erbaut (1882), das erste grosse Warenhaus der Schweiz und Vorläufer des Globus. 1950 wurde alles abgerissen und der Nebenarm der Limmat trockengelegt. Heute erinnert nur noch das legendäre Globus-Provisorium an die Zeiten der schwimmenden Inseln. Die Stadt hat seit längerem den Auftrag, ein Nutzungskonzept für dieses skurrile Gebäude zu entwickeln, um das fünfzigjährige Provisorium zu beenden.

Aber warum beenden? Sind Provisorien nicht die idealen Freiräume, so stetig im Fluss? 1968 versuchten unruhige Zürcher Jugendliche erfolglos das Gebäude einzunehmen, also zu occupyen. Aber heute, in Zeiten der spätkapitalistischen Krisen, könnte es klappen: ein Begegnungszentrum für verschuldete Kreditnehmer und entlassene Banker! Eine Gratis-Kinderkrippe! Oder ein Spa für Schwangere, Alte und arbeitslose Kolumnistinnen! Schenken Sie sich Alternativen zum Konsum ohne Grenzen, und rempeln Sie nicht. Frohe Festtage!

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1 KOMMENTARE

Beat Hirt

Es gibt nur eine wirkliche Alternative. Abreissen. Die Abstimmung "Freie Limmat" ist vom Zürcher Stimmvolk irgendwann in den 50er- oder 60er-Jahren angenommen worden, später gab's eine zweite, weil das Resultat gewisse Kreise nicht befriedigt hat. Dort ist dann das "frei" prompt die Limmat runter. Man kann das akzeptieren. Aber: Fakt ist, dass niemand hat diese Baracke gewollt hat, die dort seit 60 Jahren die Sicht auf die Limmat verstellt. C'est le provisoire qui dure. Die Frage ist ja inzwischen nicht mehr: wie lange noch? Sondern warum überhaupt?. Warum macht die Stadt nicht vorwärts? An einer städtebaulich derart exponierten und zugleich spanneden Lage?



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