Tages-Anzeiger



21 Minuten auf der Wiesn

Von Sandra Künzi. Aktualisiert am 19.10.2011

Unsere Kolumnistin Sandra Künzi wollte die Wiesen in Zürich besuchen, machte dann aber vor dem Eingang Halt.

sandra.kuenzi@zueritipp.ch

Am Hauptbahnhof blieb ich ungeplanterweise hängen: auf der Züri-Wiesn, einem Oktoberfest für Arme. Obwohl es ja stattliche 40 Franken kostet, wenn man ins Bierzelt reinwill. Dafür bekommt man eine Mass Bier, einen Hauptgang (Haxn, Hendl oder vegetarisch) und jede Menge Gaudi und Musi. Vor Gaudi und Musi hab ich grossen Respekt. Aber vor 40 Franken auch. Drum stellte ich mich neben das Bierzelt zwischen Magenbrot und Entenschiessen, die doch glatt als Lunapark beworben werden.

Ich schaute zu, wie die Gruppen in Empfang genommen wurden. So eine Wiesn ist eben ein Gruppending. Es schärft den Gemeinschaftssinn enorm, wenn man mal zusammen die Hosen runterlässt oder einen Tisch besteigt. Mehrheitlich Männer steuerten gut gebündelt und beschwingt einen Abend voll fröhlichen Schunkelns und Feierns an. Sie sahen sich alle zum Fürchten ähnlich. Die Frauen waren rarer gesät, dafür aufgebrezelt, als wären sie fleischgewordene Wiesn-Schmankerl. Pseudotrachten hoben die Brust, und man hätte sich nicht gewundert, wenn mit Gaudi und Musi die beiden Busi gemeint gewesen wären, die die Maderln da spazieren führten. Dann gings los mit einem Country zum Mitwippen. Beim zweiten Song schunkelten schon ganze Tische, und beim dritten Hit wurde laut mitgesungen. Der Sound war so dumpf wie der Rest, aber das schien niemanden vor Ort wirklich zu stören. Ein Prosit der Gemütlichkeit. Man müsste mal eine alkoholfreie Wiesn machen! Und warum heisst das überhaupt Wiesn? Da war weit und breit nichts von Natur zu sehen. Ich musste aufs Klo. Hätte ich 40 Franken gezahlt, hätte ich im Bierzelt pinkeln können, aber so blieb mir nur McClean, dem ich dafür zwei Franken zahlen musste.

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