Champagner und ein Paar Wienerli
Von Mario Stäuble. Aktualisiert am 19.05.2011
Zürichs zahlungskräftigste Nachtschwärmer feiern in einem Keller. Im Kreis 1, zwischen Kongresshaus und dem 5-Sterne-Hotel Baur au Lac, im Untergeschoss der Villa Rosau. Dort öffnete vor 41 Jahren ein Club für Leute, die richtig Geld haben: das Diagonal. Das Lokal hat seither ganze Generationen von Bars und Dancings überlebt. Doch nun stehen Veränderungen an – die Villa Rosau wird nächstes Jahr totalsaniert. Die Architekten Gigon/Guyer planen um das Gebäude herum einen Neubau; die Bank Sarasin wird einziehen. Das Diagonal wird für die Zeit der Renovation schliessen. Ob es danach wieder öffnet, ist ungewiss.
Noch ist aber nicht so weit. Noch wird vor der Villa Rosau Nacht für Nacht der rote Teppich ausgerollt. Zum Beispiel für die Besucher von House Knights, einer Partyreihe, die auf ein junges Publikum abzielt.
Tür:
Um 0.30 Uhr ist draussen niemand zu sehen. Anstehen auf gut Glück würde auch nichts bringen, denn das Diagonal ist ein Memberclub: Am Türsteher vorbei kommt nur, wer eine Jahresmitgliedschaft (500 Franken) gelöst hat oder im Baur au Lac Gast ist. Ausnahmen gibt es laut Club-Chef Sven Reichert für «schöne, junge, elegante» Frauen.
Klischee:
Junge Russen wedeln mit Tausendernoten und bespritzen sich gegenseitig mit Champagner.
Wirklichkeit:
Die meisten Besucher sind Zürcher. Altersmässig ist das Publikum durchmischt – 18-jährige Partyneulinge sitzen direkt neben 50-jährigen Geschäftsmännern. Niemand benimmt sich daneben. Eine Handvoll Knabbergebäck, die durch den Raum fliegt, ist der grösste Aufreger. Sofort ist das Personal zur Stelle. Die kleine Tanzfläche füllt sich erst gegen 2 Uhr, davor ist Smalltalk wichtiger. Überraschend ist der hohe Anteil weiblicher Gäste – zeitweise bewegen sich nur Frauen auf dem Dancefloor.
Uniform:
Die Männer geben sich stilvoll. Das Ralph-Lauren-Hemd mit dem kleinen Polospieler-Logo ist das beliebteste Kleidungsstück – kombiniert mit Marken-Jeans und Loafers. Auch Businessanzüge sind zu sehen. Viel Gel in den Haaren ist erlaubt, karierte Hemden, Piercings oder Tattoos sind tabu. Die Frauen sind beim Styling weniger zurückhaltend. Es gilt: Das Kleid so kurz wie möglich, die Absätze hoch bis schwindelerregend.
Einrichtung:
Dunkelblaue Lounge-Sofas aus Samt beanspruchen den Grossteil des Raumes (Kapazität: 220 Personen). Teelichter und Teppichboden sorgen für eine elegante und unaufgeregte Atmosphäre. Gleichzeitig ist zu spüren, dass sich der Besitzer angesichts der anstehenden Schliessung mit Investitionen zurückhält. Die Sofas weisen vereinzelt Brandlöcher auf, die wenig vornehmen Toiletten bedürften einer Renovation. Ein Fumoir fehlt.
Soziale Geschlossenheit:
Im Club gibt es keinerlei Abgrenzung. Die Regel ist einfach: Wer drin ist, gehört dazu.
Karte:
Hier zeigt sich der Unterschied zu anderen Clubs. Ein Bier kostet 14 Franken, eine Cola (2 dl) 9 Franken. Die meisten Gästegruppen interessieren sich aber gar nicht für solche Getränke; sie bevorzugen Champagner oder Wodka, den sie flaschenweise an ihr Lounge-Tischchen bringen lassen. Schaumwein ist ab 140 Franken zu haben. Wer es exklusiver mag, bestellt eine 3-Liter-Flasche Roederer Cristal Brut (5800 Franken). Der eigentliche Renner des Diagonal steht indes auf keiner Karte: Ein Paar Wienerli mit Senf und einer dicken Scheibe Brot, serviert auf Baur-au-Lac-Porzellan. «Davon setzen wir an einem guten Abend 50 Paare ab», sagt Geschäftsführer Reichert. Kostenpunkt: 12 Franken.
Prime Time:
Zwischen 2 und 3 Uhr.
Essenz:
An den House Knights wird gepflegt gefeiert. Der Frauenanteil ist hoch, und es gibt keinerlei Aggressionspotenzial. Ansonsten ist die Party in der Villa Rosau mit einer Nacht in ZürichWest vergleichbar: Auch die DiagonalBesucher mögen die Black Eyed Peas und schreien «Barbra Streisand!». Auch sie lästern über Kollegen, während sie mit dem iPhone Facebook checken. Auch sie wachen am nächsten Morgen mit Kopfschmerzen auf. Der grösste Unterschied: Im Portemonnaie fehlen nicht ein paar Zwanziger, sondern ein paar Hunderter.
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3 KOMMENTARE
Nicht schon wieder so ein Laden für irgendwelche die von Beruf Sohn oder Tochter sind. Berichtet doch wieder einmal über was, wo der "Büezer" auch mal seine Freude daran hätte!
Abgedroschen aber immer noch wahr: Von Geld kann man keinen Musik- und Kleidergeschmack kaufen.




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