Tages-Anzeiger



Halleluja

Von Adrian Schräder. Aktualisiert am 07.02.2012

Zwölf Jahre ist es her, seit Soulsänger D’Angelo sein letztes Album veröffentlicht hat. Nun kann sich die Popwelt endlich auf die Rückkehr eines grossen Verlorenen einstellen.

Ganz so knackig dürfte DAngelo nicht mehr aussehen. Aber er ist der Mann des «no bullshit» geblieben.

Ganz so knackig dürfte DAngelo nicht mehr aussehen. Aber er ist der Mann des «no bullshit» geblieben.


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Das dritte Album

Jahrelang stellte DAngelos frühere Plattenfirma EMI Geld für das ominöse dritte Album «James River» bereit. Es erschien nie. Nur kurze Auszüge aus Aufnahmen fanden ihre halblegalen Wege an die Öffentlichkeit. Und DAngelo tauchte auf dem Album des Amy-Winehouse-Helfers Mark Ronson mit völlig verfremdeter Stimme und in rockig-psychedelischem Klangbild auf. Nun soll die Platte, die wohl noch immer «James River» heisst, «zu 97 Prozent» fertig sein. Sagt zumindest Roots-Schlagzeuger und DAngelo-Freund Questlove. Seit dem 27. Januar tourt DAngelo mit Band durch Europa.

D'Angelo - Untitled (How Does It Feel):

Wenn einer im Popgeschäft zwölf Jahre durch Abwesenheit glänzt, führt meist kein Weg zurück. Wer so lange kein nennenswertes Lebenszeichen von sich gegeben hat, schafft es kaum mehr ins Bewusstsein einer veränderten Musikwelt. Bei Michael Eugene Archer, besser bekannt unter seinem Künstlernamen D’Angelo, liegt der Fall etwas anders. Es scheint fast, als würde die Zeit für ihn stehen bleiben. Als würde sie auf ihn wartend um sich selbst kreisen, bis sie schliesslich das neue, feurige «Go!»-Kommando erhält.

Trotz der langen Sendepause ist D’Angelos Name noch immer in aller Munde. Niemand hat in der Zwischenzeit jene Töne weiterklingen lassen, die er angeschlagen hat. Seine beiden Alben «Brown Sugar» (1995) und «Voodoo» (2000) ragen wie Ausrufezeichen aus Zement aus der Geschichte des Soul hervor.

Doch was macht seine Musik so einzigartig? Was macht seine Alben so erdbebensicher? Es ist die klare Herleitung aus der Geschichte der Black Music. Aus dem Soul, aus dem R ’n’ B, aus dem Funk. D’Angelo, 1974 in Richmond im Bundesstaat Virginia geboren, hat – erst mehrheitlich allein wie auf seinem ersten Album, dann gemeinsam mit kongenialen Partnern aus der Soulküche Philadelphias – eine Formel zur Verdichtung aller wichtiger Zutaten souliger Musik gefunden. Seine Lieder verschränken in sich einen stoischen, minimalistischen Hip-Hop-Beat, auch mal bis zur Verzweiflung verlangsamt, eine an Gespür nicht zu überbietende Falsettstimme und clevere Harmoniefolgen. Neo Soul nannte man das damals plötzlich.

Der Name bedeutet nicht, dass diese Musik leise oder bescheiden zu sein hat. Ganz im Gegenteil: Im Live-Kontext entwickelten sich aus seinen Stücken immer wieder wahrhafte Groovemonster, die auch mal eine gute Viertelstunde dauern konnten. Und Archer, am E-Piano, an der Gitarre und vor allem am Gesang, gab den James Brown. Den Zeremonienmeister des Grooves, den explosiven Feierer des Funk, der die Stimmung minutenlang hochkochte, um dann die grosse Entladung zu inszenieren.

Er tat das auch in der Schweiz, an einem legendären Konzert im Sommer 2000 beim Jazzfestival Montreux im Auditorium Stravinski. D’Angelo war der grosse Mann der «No bullshit»-Losung. Ja, natürlich, all diese Musiker, die mit ihm auf der Bühne standen und er, der Multiinstrumentalist und Prince-Fan, miteingeschlossen, hätten sich in ewig langen, komplizierten Soli ergehen können. Aber er befahl seinem Gitarristen einfach, den Funk aus einer einzigen Note zu kitzeln.

Was dann geschah? Die grosse Selbstüberforderung, wahrscheinlich. Jahrelang hörte man nichts - ausser dass Archer an einem neuen Album mit Namen «James River» arbeite (siehe Kasten). Von Drogen- und Gewichtsproblemen war zu lesen, auch von einem schweren Autounfall. Es macht den Eindruck, als wäre der begnadete Musiker in seine eigene Falle getappt und beim Versuch, sich ein weiteres Mal zu überbieten, immer wieder gescheitert.

Nun – halleluja! – scheint er sich aus dem Sumpf befreit zu haben. Bei aktuellen Liveauftritten gibt D’Angelo den wachen, willigen, gespürigen Rückkehrer. Vielleicht ist es ja an der Zeit, der Zeit wieder ein «Go!» zuzuschreien.

Eintritt 89 Franken

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