Kurz eint ein kurioses Ritual die Menschen

Von Thomas Widmer . Aktualisiert am 20.05.2011
Stocksteif lassen sich Leute weltweit ablichten. Ist Planking Verblödung? Nein, das Posenspiel hat Sinn und Witz.
Universelles Ritual: Planking.

Planking, der neuste Globaltrend, hat voll auch unser Land erfasst. «20 Minuten Online» titelte gestern: «Die ganze Schweiz liegt flach». Die Sache geht so: Man legt sich irgendwo auf den Bauch, stocksteif. Das sieht aus wie der fliegende Superman, bloss liegen die Arme eng am Körper an.

Planking, von Englisch «plank», also Brett, ist ein Massenphänomen. Eine kollektive Welle. Wie Shoefiti, bei dem man ein Paar zusammengebundene Schuhe über eine Stromleitung wirft. Oder wie Guerilla Knitting, bei dem selbst gestrickte Hüllen öde Stadtdinge, Parkuhren etwa, verschönern. Das Resultat fotografiert man, verbreitet es per Facebook oder Youtube.

Spiel auf kluge Weise

Kaum ein Land, aus dem keine Planking-Bilder vorliegen; beileibe nicht nur grölende Teens betreiben es. Die polnische Studentin nimmt den Fotokopierer als Unterlage. Ein alter Japaner legt sich im Supermarkt in die Fischstäbchen-Kühlschublade. Dutzende Engländer potenzieren den visuellen Effekt, indem sie im Park gestapelt verharren wie Holzbalken.

Verblödet die Menschheit? Aber nein! Sie spielt, und das auf nicht unkluge Weise. Das Kumulative des Planking – sehr viele Personen tun das Gleiche – erzeugt einen kuriosen Witz. Die Gestalten in Totalstarre summieren sich zu einer Art unpolitischer Subversion. Sie verweigern die Vernunft, sie nehmen ihr Recht auf Dada wahr, sie leben Kunst. Sie falsifizieren den Benimm im öffentlichen Raum, machen sich also lustig über all die Regeln. Und ein wenig wirkt der Planker auch wie ein Soldat in Habachtstellung, der umgekippt ist.

Universelles Ritual

Eine solche Mode flaut jeweils schnell wieder ab. Zwischenzeitlich ermöglicht sie es den Leuten, die durch Religion, Sprache, Hautfarbe et cetera getrennt sind, sich verbunden zu fühlen. Planking ist, etwas geschwollen mit einem lateinischen Begriff gesagt, gelebte Humanitas: ein Beharren auf der Wesensverwandtschaft aller Menschen. Dass das Ritual aus einer Simpelpose besteht, fast inhaltsleer ist, hilft. Die Bretthaltung funktioniert universell, weil sie kein örtliches Gefühl, keinen nationalen Code, keine religiöse Vorstellung tangiert oder gar beleidigt. Und so ist die Menschheit mal kurz eine Familie.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.05.2011, 04:00 Uhr


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