Zoom ins Abseits
Aktualisiert am 08.09.2010
Leer ist sie, die grün ausgekleidete Vitrine. Und doch wieder nicht: Auf dem ausgebleichten Stoff zeichnen sich einzelne rechteckige Flächen ab, in denen sich das Grün seine ursprüngliche Sattheit bewahrt hat. In dem etwa zwei Kubikmeter grossen Guckkasten bot einst ein Juwelier seine Ware feil - allerdings nicht im Original, sondern, aus Sicherheitsgründen, als fotografisches Abbild. Dann kam der Konkurs und damit die Totalliquidation. Zurückgeblieben sind nur die ausgeräumte Vitrine - und, als phantomartige Zeitzeugen, die Leerstellen auf dem grünen Innenfutter.
Ein gefundenes Fressen für Stefan Burger: Der im deutschen Müllheim geborene und an der ZHdK ausgebildete Fotokünstler ist gewissermassen auf die Kehrseite der Bildwelt abonniert. Die Vitrine mit ihrem gescheckten Innenleben illustrierte seine Arbeitsweise derart treffend, dass er sie kurzerhand ausbaute und mitnahm. Nun präsentiert der 33-Jährige das gute Stück im Fotomuseum Winterthur, wo sie Teil seiner ersten grossen Soloschau in der Schweiz ist. Und die ist wahrlich unkonventionell: Die Bilder hängen nicht einfach an den Wänden. Und wenn doch, dann sind sie gelöchert. Oder bedecken als Tapete eine ganze Wand. Oder stehen zur Hälfte in einem Wasserbecken, dessen nasser Inhalt sich nach und nach an ihnen hochfrisst. Burgers Fotografiebegriff ist kein alltäglicher, das wird schnell klar. Die simple Ablichten von Objekten interessiert ihn nicht. Stattdessen setzt er dort an, wo die Kamera eigentlich nichts zu suchen hat: hinter den Kulissen. Burger zoomt mit Vorliebe auf das, was nicht fürs Rampenlicht bestimmt ist, guckt gern dorthin, wo es wenig ästhetisch zugeht. Dabei dient ihm die Fotografie, wie er es ausdrückt, als «Basislager» für eine Arbeitsweise, in der er das Zusammenspiel von Bild und Installation zelebriert.
Wenn Burger etwa rot-weisses Absperrband an einen Sonnenschirmständer knotet und mit einem davor platzierten Sandsack zu einem eigensinnigen Stillleben vereint, um es dann fotografisch festzuhalten, dann stellt dieses Defilee der sonst so bescheiden agierenden Alltagsdinge einen gar ungewohnten Anblick dar. Was Burger damit anreisst, ist eine neue Art des Sehens. Oder zumindest das Ende der Bildwelt, wie man sie bisher kannte: In der Arbeit «Analoges Dokument» wird ein Projektor, der in Endlosschlaufe die Sprengung des ehemaligen Agfa-Hauptsitzes zeigt, von einem sich permanent drehenden Werbeschirm des Fotomagnaten Ilford flankiert. Ein Scheinwerfer taucht die ganze Konstruktion in helles Licht. Die Aussage ist klar: Die Vormachtstellung der Schwarzweissaufnahme ist am Rotieren, die analoge Bildwelt liegt in Trümmern. Was bleibt, ist lediglich ihr Schatten. Die klassische Fotografie ist tot.
Vernissage: Fr 10.9., 18 Uhr. Bis 14.11.



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