Wachträume auf Papier
Aktualisiert am 14.12.2011
Staubig ist anders: Taufrisch und elektrisierend aktuell wirken die Pastelllandschaften des Zürcher Malers Albert Welti (1862–1912) – obwohl sie schon über 100 Jahre alt sind. Die kleinformatigen Arbeiten, die der Künstler im Geheimen neben seiner offiziellen Repräsentationsmalerei schuf, waren nie für die Öffentlichkeit bestimmt.
Welti, der aus der global aktiven Transportunternehmerfamilie Welti-Furrer stammte, war zeitlebens ein Zweifler und Zerrissener, dessen Schaffen an der Wende zweier Jahrhunderte entstand. Modern ist Welti besonders dort, wo man ihn als Zeitgenossen des österreichischen Nervenarztes Sigmund Freud, des Begründers der Psychoanalyse, wahrnimmt. Modern, wo er die äussere Sicht mit der Innenwelt wie in einem Wachtraum verwischt. Modern schliesslich, wie er Begriffe von Zeit und Raum, von Vorder- und Hintergrund aus der Verankerung reisst. Wie vom Blitz durchzuckte Bäume werden bei ihm zu Energieträgern. Landschaftsdarstellung wandelt sich in ein dämonisch aufgeladenes Treiben lose verwobener Farbflächen. Ein drückendes, unwägbares Hell-Dunkel charakterisiert die Stimmung. Alles verweist auf Übergangssituationen: auf Wege ohne Anfang und Ende, auf Brückenkonstruktionen, auf abgründige Hanglagen. Zeit- und Ortsangaben spielen keine Rolle mehr. Das Transitorische erscheint auch als Anzeichen der Relativität gesellschaftlicher Weltbilder. (sar)



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