Von Poesie bis Pop
Von Feli Schindler. Aktualisiert am 21.04.2010
Da liegt sie auf dem Mauerverputz, übergross, blass und doch leibhaftig präsent: eine Figur, halb Schneewittchen, halb Mumie, dunkles Haar, rote Mütze, langes Kleid mit Flämmchen am Rocksaum. Drei winzige Dienerinnen scharen sich um die Liegende. Eine hält ihr den Spiegel vor den Mund, als wollte sie prüfen, ob die Verstorbene nur schläft. Die tiefroten Wangen lassen es vermuten. «Die grosse Tote» nennt die Berliner Künstlerin Gitte Schäfer (*1972) ihre neuste Arbeit. Das Wandbild paart sich im ersten Ausstellungsraum von Lullin + Ferrari mit dadaistisch verspielten Masken und einem schief platzierten Zitronenhaufen. Früchte, Leben, Tod und Magie prallen hier auf- einander. Und wie ein Memento mori erscheint auch das in einem zweiten Raum ausgelegte Bodenrelief, das sich aus Marmortafeln, rosa Salzkristallen und blassgrünen Eiern zu einer streng konstruktiven, zauberhaften Grabplatte zusammenfügt. Flüchtige Momente von Leben und Schönheit.
Aggressiv und ohne zarte Geste greift die Genferin Delphine Reist (*1970) in die Galerieräume von Lange + Pult ein. Die vor zwei Jahren mit dem Swiss Art Award ausgezeichnete Konzeptkünst- lerin bohrt bunte Handbohrer in ein Empire- Möbelchen, wo sie stromlos stecken bleiben. Gewaltsamer Abgesang auf die Wohnkultur der Bourgeoisie? Seltsam autoritär, wenn auch proper und poppig arrangiert, wirkt daneben eine Gruppe stummer Megafone, die an Demos und Polizeieinsätze erinnern.
Frische Premiere
Wer schliesslich den Büroalltag als eintönig empfindet, sieht sich eines Besseren belehrt: Zehn Sessel drehen sich wie im Tanz um die eigene Achse, während elektronisch gesteuerte Jalousien rhythmisch den Takt angeben. Reists technisch an- getriebene und mit subtilem Humor unterlegte Installationen könnten die postmoderne Antwort auf Roman Signers Tüftelkunst sein.
Insgesamt überraschen die beiden in Berlin wohnhaften Künstlerinnen Delphine Reist und Gitte Schäfer mit einem frischen ersten Auftritt in Zürich; ihre beiden vor zwei Jahren eröffneten Galerien tun es ihnen gleich.



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