Unter New Yorks Haut
Aktualisiert am 03.02.2012
Wie gut, dass es nicht jeder Medizinstudent bis zum Examen schafft. Andernfalls wäre uns ein exquisites Stück Fotogeschichte entgangen. New York, 1962. Das Museum of Modern Art stellt seine heiligen Hallen erstmals einem Farbfotografen zur Verfügung. Der Glückliche, Ernst Haas, ein österreichischer Immigrant, ist gerade mal 41-jährig. Nachdem ein gewisser Robert Capa («Wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug dran») Haas’ Bildreportage über die traumatisierten Heimkehrer des WK II gesehen (und als nahe dran genug befunden) hatte, schlug er dem acht Jahre jüngeren Kollegen vor, der neu gegründeten Fotoagentur Magnum beizutreten. Der fackelte nicht lange, tauschte Wien gegen New York und arbeitete von diesem Moment an fast ausschliesslich in Farbe – eine Pioniertat. Während in der Malerei der abstrakte Expressionismus, Pop- und Op-Art neue Arten des Sehens erprobten, tat Haas mit seiner Kamera das Gleiche und füllte Film um Film mit Schnipseln des Alltags: Reflexionen in Schaufenstern; Plakatreste an maroden Mauern, die er so einfing, dass daraus abstrakte Kompositionen wurden; der durch Manhattan pulsierende Verkehr; zeitgeistige Stillleben mit Röhren-TV und Spannteppich. Und immer wieder: Bewegung. Dynamik.
Und ja, bisweilen meint man, den einstigen Mediziner in spe herauszuspüren: Mit ungeheurer Präzision röntgt Haas seine Umwelt; legt mit Linien, so sauber gezogen wie mit dem Skalpell, das Innenleben der modernen Metropole offen. Als könnte seine Kamera nicht bloss die Oberfläche der Realität wiedergeben, sondern in tiefer liegende Schichten vorstossen, fährt Haas’ Blick gleichsam unter die Epidermis der Stadt. Und all das in Farben, die bis heute nichts von ihrer Brillanz eingebüsst haben, wie die aktuelle Ausstellung bei Christophe Guye zeigt – und zwar auch, ohne dass man sie ins beste Licht rückt: Unser Galeriebesuch fiel ausgerechnet auf jenen Tag, an dem in Zürich kürzlich flächendeckend die Lichter ausgingen. Egal. Haas’ Bilder strahlten auch so. (psz)
Bis 25.2.2012. Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr.



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