Sechs vom Feinsten
Von Daniel Morgenthaler und Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 11.01.2012
Vielschichtig
Alle fünf Vokale im Namen? Wow! Und ebenso kommentieren wir Silvie Defraouis Werk. Die Schweizer Videopionierin teilte beides jahrzehntelang mit Ehemann Chérif († 1994). Nun legt sie Fotoarbeiten vor, die zeigen, wie sie den Faden allein weiterspinnt – und unsere Assoziationsfähigkeit auf Touren bringt: Dafür platzierte sie Alltagsgegenstände – Koffer, Teekanne, Zeitungsausschnitt – vor einer Wand, projizierte Landschaftsbilder darüber und knipste das Ganze anschliessend ab. Poetisch, witzig, wie aus dem Ärmel geschüttelt. Typisch Defraoui eben. (psz)
Galerie Susanna Kulli, Dienerstrasse 21, bis 18.3..
www.susannakulli.ch
Naturnah
Einem Bison reicht kein Wattestäbchen, da muss schon ein Vogelschnabel rein ins Ohr. Eine Erkenntnis, die man 2010 aus Heimir Björgúlfssons Ausstellung bei Barbara Seiler mitnahm. Für die aktuelle Galerieschau verzichtet der in L.A. lebende Isländer aber auf ausgestopfte Riesenviecher. Und die Vögel holt er raus aus den Bison- ohren und rückt sie, in Farbstift und auf klassischeren Wandformaten, selbst in den Vordergrund. Oder er zeigt Malerei, aus der ersichtlich wird, wie der Lebensraum der Büffel mit den Brettern der Urbanität vernagelt wird. (dm)
Galerie Barbara Seiler, Anwandstrasse 67, bis 25.2.. www.barbaraseiler.ch
Tanzfreudig
Was, bitte schön, ist ein Ballhaus? Nicht etwa eine Turnhalle für Ballspiele, sondern ein Tanzpalais, wie es sie vor rund hundert Jahren im Vergnügungsviertel Berlins zuhauf gab. Heute steht nur noch ein einziges, samt den ebenfalls noch funktionstüchtigen Tischtelefonen. Die aus New York stammende Wahlberlinerin Anita Di Bianco war vom Charme der nostalgischen Flirtkatalysatoren derart angetan, dass sie ihnen ihr neustes Video widmete. Im Schau Ort zeigt sie ausserdem historische Stadtpläne der Hauptstadt – und holt damit das Gestern ins Heute. (psz)
Schau Ort, Müllerstrasse 57, bis 3.3.. www.schauort.com
Abgepaust
Eigentlich müsste Valentin Hauri an der frischen Luft malen. Denn die von ihm angewandte Technik der Primamalerei – des Malens in einem Zug, ohne Korrigieren – war vor allem für die Impressionisten relevant. Der 57-jährige Badener arbeitet aber nicht «en plein air», sondern eher «en plein Kunstgeschichte»: Statt Natur malt er Elemente aus Werken von Aussenseiterkünstlern wie Forrest Bess oder Royal Robertson ab. Bei Brigitte Weiss zeigen sich nun aber noch andere Vorbilder: Hauris Tuschzeichnungen, die wie Blaupausen für Ölgemälde funktionieren. (dm)
Galerie Brigitte Weiss, Müllerstrasse 67, 8004 Zürich. Bis 3.3..
Bibelfest
Früher hats Moses erledigt. Heute tragen eher Künstler Werke von ihrem eigenen Berg Sinai der intellektuellen Anstrengung herunter. Allzu oft nur, um zu sehen, dass das Publikum lieber um die goldenen Kälber des Kunstmarkts tanzt. Herbert Weber (36) hat deshalb seine Steinplatten zerschlagen wie Moses damals – und bei Christinger de Mayo aufgebahrt. Die Inschrift «actio est reactio», ein Grundsatz der Physik, gilt ebenso für die Kunst: Auch auf Webers fotografisch dokumentierte Kunstaktionen wird es Reaktionen geben. Gute, vor allem. (dm)
Galerie Christinger De Mayo, Ankerstrasse 24, bis 25.2..
www.christingerdemayo.com
Gwundrig
Endlich ist es erlaubt, in ein fremdes Tagebuch zu gucken. Allerdings sind Regula Webers intime Notizen nicht schriftlich festgehalten, sondern in Form von Zeichnungen und Collagen. Dabei pflegt sie eine anarchische Wahrnehmung: Keine spektakulären Begebenheiten sind es, die Eingang in ihr Tagebuch finden, sondern Banalitäten. Etwa ein Gartenzaun, oder ein Gestrüpp am Wegrand. Für die Ausstellung «Streifzüge» wurde ihr Georgette Maag zur Seite gestellt. Wo Weber mit Stift und Farbe ans Werk geht, dient dieser die Fotokamera. Herrlich unaufgeregt. (psz)
Galerie Susanna Rüegg, Militärstrasse 76, bis 11.2.
www.susannarueegg.ch



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