Mal mehr, mal weniger sexy
Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 07.07.2010
Ihren inneren Schweinehund kennen Sie gewiss. Aber haben Sie schon Bekanntschaft mit dem Käfer in Ihnen gemacht? Wenn nicht, bietet sich in der Galerie Lange + Pult nun Gelegenheit dazu. Dort nämlich präsentiert der Franzose Lilian Bourgeat (geb. 1970) seine Skulpturen, die x-fach vergrösserte Nachbildungen von allerlei Alltagsgegenständen zeigen - etwa Trinkgläser skurrilen Ausmasses, drei Meter hohe Gummistiefel oder gigantische, in die Galeriewand gepinnte Stecknadeln. Die durch diese Potenzierung ihrer sonstigen Funktion enthobenen Objekte lassen im Betrachter unweigerlich Beklemmung aufkommen: Zwar schleicht man belustigt um die Riesenstiefel herum und nimmt die Stecknadel-Mutanten interessiert ins Visier. Doch dass einem dabei etwas mulmig zumute ist, wird man nicht leugnen können. Und nun kommt eben der innere Käfer ins Spiel: Denn was man hier verspürt, ist nichts anderes als die unterschwellige Angst, von den gigantischen Nadeln durchbohrt zu werden und in der Insektensammlung eines Riesen zu landen. Bourgeat spielt mit der Urangst des Menschen, einem überlegenen Wesen hilflos ausgeliefert zu sein - ein Gedanke, der uns von jeher umtreibt: Schliesslich kannten schon die alten Griechen die hühnenhaften Zyklopen; die Bibel brachte Goliath hervor - und dass in Märchen immer wieder Riesen vorkommen, ist gewiss auch kein Zufall.
Wo ist das Guckloch?
Einen anderen Instinkt zu wecken, weiss die Amerikanerin Jill Spector (geb. 1976): Fast organisch muten ihre bei BolteLang ausgestellten Gebilde aus Draht, Gips, Stoff, Holz und Kissen an. Angesichts der weichen Rundungen, aus denen hier und da einzelne Weizenähren als fruchtbar-rustikale Eyecatcher ragen, muten die liebevoll arrangierten Materialcluster ungemein feminin an. Und schon ertappt man sich dabei, wie man sich zusehends auf die zahlreichen Öffnungen fixiert, durch die der Blick auch ins intime Werkinnere vordringen kann. Auf der Suche nach immer neuen Gucklöchern beginnt man, die Arrangements wie ein liebestoller Täuberich zu umkreisen - und geht damit der Künstlerin auf den Leim, welche die tief in uns schlummernde, animalische Triebhaftigkeit aus der Reserve locken will.
Schauerliches in 3-D
Weitaus weniger sexy geht es derweil bei Hauser & Wirth zu. Dort erinnert Berlinde De Bruyckere (geb. 1964) nämlich auf recht unsanfte Art daran, dass das irdische Dasein begrenzt ist: Die Belgierin hat den Galerieraum in ein morbides Gruselkabinett verwandelt, in dem sich aus weisslichem Wachs geformte, aufgeschlitzte Rossleiber an menschliche Kadaver reihen. Wer nach einem modernen Memento mori Ausschau hält: Hier ist es. Subtiler, aber nicht weniger verstörend sind De Bruyckeres neueste Arbeiten: wächserne, gleichsam blutig geschabte Geweihe, die wie rohes Nerven- gewebe an der Wand hängen - materialisierter Schmerz, der einem die Nackenhaare aufstellt.
Warum also schaut man dennoch gerne hin? Aus demselben Grund, weshalb man sich an der Chilbi auf die Achterbahn wagt, obwohl man genau weiss, dass man Todesängste ausstehen wird; weshalb man sich den Horrorfilm im Kino ansieht, und weshalb schon der Knirps immer wieder die gleiche Gruselgeschichte vorgelesen haben will: Weil man sich nie so lebendig fühlt, wie wenn man - kurz und risikofrei - daran erinnert wird, dass der Spass hienieden irgendwann mal zu Ende sein wird.



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