Löwen-Neu-Areal
Von Daniel Morgenthaler. Aktualisiert am 13.04.2011
Das hätte sich der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein wohl nicht gedacht, als er einst eine Kritzelei in seine «Vorlesungen zur Ästhetik» machte: Dass dieselbe Kritzelei rund 70 Jahre später mit dem Kran durchs Fenster einer Zürcher Galerie gehoben würde – diesmal als riesige Skulptur.
Verantwortlich für diesen inspirierenden Verhältnisblödsinn ist Wittgensteins Landsmann Franz West (geb. 1947). Der Bildhauer ist eigentlich bekannt für seine Passstücke – skulpturale Gegenstände, die der Betrachter eben nicht nur betrachtet, sondern auch in die Hand nehmen darf. Wests neueste Stücke hingegen passen fast nirgendwo rein – ausser in so museale Säle, wie sie die Galeristin Eva Presenhuber neuerdings zur Verfügung hat. Nach dem umbaubedingten Auszug aus dem Löwenbräu-Gebäude ist Presenhuber aufs Maag-Areal gezogen, ins Haus Diagonal gleich am Fusse des Prime Tower. In Räume, die sogar Wests rosafarbene Ungetüme (die eigentlich für den Aussenraum geschaffen wurden!) aufnehmen können.
Der Ausstellungsraum im Schafspelz
Von Grundriss und Raumhöhe her etwas bescheidener ist da die Galerie Peter Kilchmann herausgekommen, ehedem ebenfalls zentraler Bestandteil des Löwenbräu-Areals und nun zwei Stockwerke über Presenhuber angesiedelt. Doch auch hier wirds durchaus monumental: Die Genfer Künstlerlegende John Armleder zeigt nämlich ein zehn Meter langes «Pour Painting», für das er die Farbe die Leinwand herunterlaufen liess. Etwas abgefedert wird dieses Riesenbild von flauschiger Jute, welche die gesamte Wand bedeckt – der Ausstellungsraum im Schafspelz, quasi.
Im Saal nebenan ist dagegen eher Hasenfell en vogue. Die 52-jährige Schweizerin Valérie Favre malt nämlich mit Vorliebe «Lapines», also Hasenfrauen – und das sieht durchaus so unheimlich aus, wie es tönt. Noch einmal ein ganz anderer Wind weht dann im letzten Saal, wo Francis Alÿs eine neue Werkgruppe zeigt: Bei den Dreharbeiten zu seinem Video «Tornado», für das der in Mexiko lebende Belgier jeweils während der Trockenzeit rotierenden Staubwolken hinterherrannte, musste er oft länger auf den nächsten Wirbelsturm warten. In dieser Zeit hat er auf Holz kleinformatige Wüstenbilder gemalt und in die karge Landschaft politische Begriffe hineingesetzt.
Monumentale Werke hereinfahren
Erfahrungen mit Wolken hat auch der Schweizer Kilian Rüthemann (geb. 1979): Im Kunsthaus Glarus hatte er einst aus Marmor eine Rauchsäule nachgebildet. Seine neuesten Arbeiten sind nun zwar nicht im Haus Diagonal, aber doch auch im Schatten des Prime Tower ausgestellt: bei Raeber von Stenglin, einer Galerie, die vor rund einem Jahr in einer ehemaligen Welti-Furrer-Garage eröffnet hat. Ihr eindeutiger Vorteil gegenüber den Global Players Presenhuber und Kilchmann? Hier braucht man nur das Tor zu öffnen, und schon lassen sich noch so monumentale Werke bequem hereinfahren. Rüthemann nutzte das aus und goss zwei leicht versetzte Schichten Beton auf den rohen Boden. Das sind keine Kritzeleien mehr wie bei West, sondern zwei richtig dicke Striche.
Kilian Rüthemann: «Target as Frontside». Vernissage Fr 15.4., 18–21 Uhr 14.4.–28.5. Mi–Fr 12–18 Uhr, Sa 11–17 Uhr. www.raebervonstenglin.com
Franz West: «Der definierte Raum».Vernissage Do 14.4., 18–20 Uhr Bis 21.5.Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–17 Uhr. www.presenhuber.com
Francis Alÿs – John Armleder – Valérie Favre Vernissage Do 14.4., 18–20 Uhr Bis 28.5.Mo–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–17 Uhr www.peterkilchmann.com
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