Tages-Anzeiger



Kunst Aktuell ewz-Unterwerk Selnau

Küsse und Tröten

Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 08.04.2010

Der Verein Kunstwollen hat auch dieses Jahr vielversprechende Absolventen von Schweizer Kunstschulen an die «Plattform10» geladen.

An der «Plattform10» gibts junge Kunst - etwa pastellfarbene Stosszähne aus Porzellan von Fabien Clerc.

An der «Plattform10» gibts junge Kunst - etwa pastellfarbene Stosszähne aus Porzellan von Fabien Clerc.

ewz-Unterwerk Selnau

Adresse: Selnaustrasse 25
8001 Zürich
Url: http://www.stadt-zuerich.ch/ewz

Schon das vierte Jahr in Folge ist eine Handvoll junger Kunstexperten durch die Diplomausstellungen der Schweizer Kunstschulen gestreift. Ihre Mission: Rosinen herauspicken. Ihr Auftraggeber: der Basler Verein Kunstwollen, seit einigen Jahren engagierter Förderer des hiesigen Kunstnachwuchses. Dreizehnmal wurde die Jury heuer fündig; ihre Ausbeute ist jetzt bis Mitte April an der «Plattform10» im EWZ-Unterwerk Selnau zu sehen. Kein Wunder also, dass die Halle an der Sihl derzeit eine magische Anziehungskraft auf Kunstliebhaber ausübt.

Nicht magisch, sondern magnetisch ist die Installation des 31-jährigen Sebastien Verdon von der Berner Hochschule der Künste. Statt auf Papier oder Leinwand «zeichnet» er seine Linie buchstäblich in die Luft, indem er eine an beiden Enden mit Metallstücken versehene Schnur zwischen zwei Magneten schweben lässt. Um Anziehungskräfte ganz anderer Art geht es derweil der 25-jährigen Martina-Sofie Wildberger: Mithilfe von Mikrofonen im Mund zweier Küssender hat die Absolventin der Kunstschule Genf die während des Kusses entstandenen Geräusche zu einer Klanginstallation der ganz besondern Art arrangiert.

Wie alle gezeigten Beiträge feiern auch Verdons Schnur und Wildbergers Kusskomposition sozusagen Ausstellungspremiere: Die Veranstalter legen Wert darauf, dass die an der «Plattform10» beteiligten Künstler nicht einfach ihre Diplomarbeiten rezyklieren, sondern mit neuen Werken auf den Ausstellungsraum reagieren. Wie unterschiedlich diese Aufgabe erfüllt wird, sieht man etwa an der Arbeit der Genferin Marie-Luce Ruffieux, die der imposanten Hallenarchitektur mit einem gerade mal faustgrossen, transparenten Plastikkubus entgegentritt. Das filigrane Gebilde hängt sie kommentarlos an die Wand - Nonchalance pur. Weniger bescheiden sind da die Ausmasse von Bina Gnädingers Party-Tröte: Die 26-Jährige mag vom Luzerner Fasnachtstreiben dazu angeregt worden sein, einen «Luftrüssel» im wahrsten Sinne des Wortes aufzublasen - nämlich etwa auf das Zehnfache seiner ursprünglichen Grösse. Dank einer automatischen Luftpumpe wird das überdimensionierte Party-Requisit in regelmässigen Abständen aufgebläht. Den ausgeklügelten pneumatischen Mechanismus hat Gnädinger selber entwickelt - die heutigen Künstler sind eben Alleskönner.

Durch Vielseitigkeit zeichnet sich auch das Rahmenprogramm der «Plattform10» ab: Ein Familiennachmittag (So 11.4.) und Führungen (Sa 10.4./Mo 12.4.) gehören ebenso dazu wie eine Podiumsdiskussion zum Thema Kunstkritik (Mi 14.4.).

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1 KOMMENTARE

Claudio Vogt

08.04.2010, 13:19

Mittwoch 14. April 2010, 20 Uhr «Kunstkritik heute» Teilnehmer/innen: Victor Gisler (Mai 36 Galerie) Samuel Herzog (NZZ Feuilleton) Claudia Jolles (Chefredaktorin Kunstbulletin) Daniel Morgenthaler (Kulturjournalist) Moderation: Bruno Seger (Leiter Zentrum für Kulturmanagement, ZHAW) Konzept und Umsetzung: Natalia Huser



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