Tages-Anzeiger



«Haare sind eine Lüge»

Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 27.10.2016

Er war ein sonderbarer Kauz und neigte zu Tobsuchtsanfällen – aber Kunst machen, das konnte er. Anlässlich seiner Ausstellung im Kunsthaus haben wir aus Zitaten von Alberto Giacometti ein Interview simuliert.

1/4 Der Mann und seine Figuren. Alberto Giacometti in seinem Atelier.

   


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Im Zentrum der Schau «Alberto Giacometti – Material und Vision» stehen 75 aus dem Künstlernachlass stammende Gipse, die 2006 als Schenkung durch Albertos Bruder Bruno in die im Kunsthaus Zürich beheimatete Alberto-Giacometti-Stiftung gelangten. Die in den letzten Jahren erforschten und restaurierten, grösstenteils noch nie ausgestellten Gipse, die als Vorlage für Bronzeabgüsse dienten, waren von Giacometti intensiv bearbeitet worden, was – mehr als die darauf basierenden, «fertigen» Werke – intime Einblicke in den Schaffensalltag des Künstlers erlaubt. Die Schau wird durch Exponate aus ungebranntem Ton, Holz, Stein und Plastilin ergänzt.

Herr Giacometti – warum sind Sie Bildhauer geworden?
Um nicht zu sterben.

Bitte?
Um mit meiner Kunst zu überleben und so frei und so wuchtig zu sein wie möglich. Um meinen Kampf zu führen – aus Freude am Kampf, aus Spass am Gewinnen und Verlieren.

Ihr Vater war Maler. Warum lag Ihnen der Meissel mehr als der Pinsel?
Ich begann mit Bildhauerei, weil dies das Fach war, von dem ich am wenigsten Ahnung hatte. Ich konnte nicht ertragen, dass ich auf diesem Gebiet unüberwindbaren Hindernissen begegnete.

Um sich diesen zu stellen, gingen Sie nach Paris – ins damalige Zentrum der Kunstwelt.
Es gibt nichts Schwierigeres, als persönlichen Kontakt zu Franzosen zu gewinnen. Da steht man wie vor einer Mauer.

Trotzdem fanden Sie bald Anschluss...
...Prostituierte sind die ehrlichsten Mädchen. Sie präsentieren sofort ihre Rechnung. Die anderen hängen sich an dich und lassen dich nie los.

Ich meinte Anschluss an die Kunstszene. Bald konnten Sie erste Werke verkaufen.
Wie können die Leute nur so rasch auf solche Narrheiten hereinfallen!

Narrheiten? So bezeichnen Sie Ihre frühen abstrakt-surrealistischen Skulpturen?
Ich habe sie gemacht, ohne mich zu fragen, was sie bedeuten. Wenn das Objekt aber einmal dasteht, so vermag ich, Formen darin wiederzuerkennen, denen ich mich verwandt fühle, obwohl ich nicht sagen könnte, woher sie stammen. Was sie mir nur umso unheimlicher macht.

War das der Grund, warum Sie sich bald von der Abstraktion ab- und der Figuration zuwandten? Sie hatten da ja einen ganz bestimmten Fokus.
Von Anfang an hat mich das menschliche Gesicht ausserordentlich fasziniert – mehr als alles andere. Manchmal habe ich als junger Mann Leute derart intensiv angeschaut, dass ich nicht einmal merkte, wie sie darüber ärgerlich wurden.

Und dann ist da noch das Motiv des Schreitenden.
Ja. Seit ich beobachtete, wie sich eine Freundin auf dem Boulevard Saint-Michel von mir entfernte, immer kleiner und kleiner wurde, ohne dass sich ihr Bild, die visuelle Erinnerung, verlor.

Das Gehen fasziniert Sie. Jemand fragte Sie mal, was Ihr Atelier sei, und Sie sagten – zwei schreitende Füsse, ja! Warum müssen Ihre Schreitenden eigentlich immer so dürr sein? Fast schon skeletthaft!
Ich versuche, meine Skulpturen bis auf die Knochen, bis zum Unzerstörbaren zu reduzieren, zugunsten des sie umgebenden Raums. Mit der Folge, dass sie sich immer mehr zusammenzogen, sich reduzierten und immer dünner wurden.

Und warum sind die Figuren kahl?
Haare sind eine Lüge. Sie lenken die Aufmerksamkeit vom Wesentlichen ab.

Die mageren Glatzköpfe werden oft als Ausdruck des Schreckens der beiden Weltkriege gelesen. Als Personifizierungen existenzieller Ängste.
Man spricht so viel von der existenziellen Angst, als ob sie etwas Neues wäre! Dabei haben das alle zu allen Zeiten empfunden. Lesen Sie nur die griechischen und lateinischen Autoren!

Also kein gesellschaftspolitischer Kommentar? Und wir dachten, gute Kunst müsse politisch sein, ein guter Künstler an einer Revolution arbeiten.
Ich glaube, die beste Art für einen Künstler, Revolutionär zu sein, besteht darin, dass er seine Arbeit so gut wie möglich macht.

Aber um Einsamkeit geht es bei Ihren einsam Schreitenden doch schon, oder?
Beim Arbeiten habe ich nie an das Thema der Einsamkeit gedacht. Ich habe nicht die geringste Neigung in diese Richtung. Das Leben ist das Gegenteil von Einsamkeit, es besteht aus einem Gewebe von Beziehungen zu anderen.

Wie jener zu Ihrer Frau Annette?
Ach, die habe ich doch bloss geheiratet, weil sie so hiess wie meine Mutter.

Erzählen Sie uns also von Ihren Freunden. Sie haben ja ein paar wahnsinnig prominente! Jean-Paul Sartre, Samuel Beckett, Marlene Dietrich, Picasso...
Picasso ist gewiss sehr begabt, aber seine Werke sind nicht beseelt. Das ist der Grund, warum er nie den einmal in seinem Werk eingeschlagenen Weg weiterentwickelt, sondern immer wieder die Richtung wechselt.

Sie sind einer der wenigen, die ihn so kritisieren dürfen. Mit Lob halten Sie sich bei ihm zurück.
Damit er sieht, dass nicht jeder vor ihm auf den Knien liegt.

Sprechen wir von Ihrer Inspiration. Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis? Die wahre Offenbarung, der grosse Schock, der mein ganzes Konzept vom Raum umgestossen und mich endgültig auf die Spur gebracht hat, ereignete sich im Kino.

Im Kino?
Ich sah meine Nachbarn an – und plötzlich sah ich sie, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich erinnere mich genau, wie ich wieder auf den Boulevard Montparnasse hinaustrat. Alles war anders: die Raumtiefe, die Dinge, die Farben. Der Boulevard war in die Schönheit von Tausendundeiner Nacht getaucht, vollkommen unbekannt.

Das klingt überwältigend!
Ich begann, vor Schrecken zu zittern wie noch nie in meinem Leben. Diese Vision wiederholte sich öfters: in der Metro, auf der Strasse, im Restaurant. Ich sah den Kellner, der sich zu mir herabbeugte, plötzlich reglos vor mir innehalten, ohne den geringsten Bezug zum vorhergehenden oder folgenden Moment.

Und wie konnte daraus Kunst werden?
Der Antrieb, der ein Werk entstehen lässt, zielt darauf, der flüchtigen Erscheinung Dauer zu verleihen. Dieses Prinzip gilt für jeden, der Freunden Alltagsereignisse erzählt, denn in der Erzählung enstehen die Ereignisse aufs Neue, erhalten Dauer und eine neue Wirklichkeit. Auf diese Weise schafft jeder Kunst.

Das klingt nach Ihrem Kollegen Joseph Beuys. Wie definieren Sie Kunst? Gute Kunst, meine ich?
Der Grad künstlerischer Qualität ist nichts anderes als ein Hinweis darauf, wie stark der Künstler von seinem Stoff ergriffen ist.

Ergriffenheit, Besessenheit... Wir müssen kurz auf Ihre Zwangsneurosen zu sprechen kommen.
Ich konnte tagelang nichts tun, wenn ich keine befriedigende Anordnung für die Gegenstände auf meinem Tisch fand. Da lagen zum Beispiel eine Zigarettenpackung, ein Bleistift, eine Untertasse. Ihre Formen, Farben und Ausmasse standen unter sich in einer ganz innigen, genauen räumlichen Beziehung – aus der sich für jedes einzelne Ding der einzig richtige Platz ergab. Solange ich sie nicht gefunden hatte, mochte ich nicht mal das Zimmer verlassen, um irgendeine Verabredung einzuhalten.

Wie furchtbar! Zumal Ihr Zimmer eine rechte Bruchbude war. Warum lebten Sie eigentlich so ärmlich? Wo Sie doch so gut verdienten?
ch möchte in solcher Weise leben, dass, wenn ich morgen mittellos dastünde, sich für mich nichts ändern würde.

Ob bettelarm oder steinreich - Hauptsache, Sie konnten Kunst machen, richtig?
Die Kunst interessiert mich sehr – aber unendlich viel mehr interessiert mich die Wahrheit. In einem brennenden Gebäude würde ich eine Katze vor einem Rembrandt retten.

Aber die Kunst ist für Sie schon gleichbedeutend mit Glücklichsein, oder?
Ich sehne mich nicht nach Glück. Ich arbeite, weil ich unfähig bin, etwas anderes zu tun. Naja, immerhin tun Sie, was Sie tun, sehr gut.
Ich sehe meine Skulpturen vor mir: jede, auch die scheinbar vollendete, ein Fragment, jede ein Versagen.

Ein Versagen?!
Ja, ein Versagen! Aber in jeder ist etwas davon vorhanden, was ich eines Tages schaffen möchte. Die Skulptur, die mir vorschwebt, enthält alles, was in den verschiedenen Skulpturen nur fragmentarisch in Erscheinung tritt. Das gibt mir unbändige Lust, mit meiner Arbeit fortzufahren. Und eines Tages werde ich mein Ziel vielleicht doch erreichen.

Alle Aussagen Giacomettis stammen aus James Lords Buch «Alberto Giacometti. Die Biographie» (Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a.M. 2009. 462 S., ca. 25 Franken). Alberto Giacometti wurde 1901 als erstes von vier Kindern des Malers Giovanni Giacometti und seiner Frau Annetta und als Patenkind des Malers Cuno Amiet in Borgonovo im Bergell geboren. Schnell erkannte man seine künstlerische Begabung und schickte ihn für die Ausbildung nach Paris, das ab 1922 – neben regelmässigen Besuchen in der Schweiz – sein ­Lebensmittelpunkt wurde. Giacometti erlangte schon zu Lebzeiten grosse Bekanntheit mit seinen Gemälden, Grafiken, v.a. aber seinen charakteristisch dürren Plastiken. 1966 starb er an den Folgen einer chronischen Bronchitis in Chur. Sein 2015 für ca. 140 Millionen Franken versteigerter «Zeigender Mann» gilt als teuerste Skulptur überhaupt.

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4 KOMMENTARE

Daniel Hunter

27.10.2016, 21:44

Paulina Szczesniak. Selbstgespräche mit Ihnen selbst...Habe schon öfters Zeit verbracht im Kunsthaus...Und er ist auferstanden zu seiner Ausstellung....wunderbar. Sind Sie ein Wunderkund? Käumlich...Aber ihr Artikel lässt sehr zu wünschen übrig.... Grüsse aus St. Petersburg


Claudia Scherrer

27.10.2016, 13:50

Vielen Dank für den Artikel. Dieses Post-Mortem-Interview ist ganz toll gemacht und hat mich sehr fasziniert. Und es hat mir einmal mehr aufgezeigt, weshalb ich Giacometti so genial finde.


christian schmidt

27.10.2016, 09:32

gute idee. gut gemacht. sehr gerne gelesen.


christian schmidt

27.10.2016, 08:02

gute idee. gut gemacht. sehr gerne gelesen.