Fast unter die Haut
Von Daniel Morgenthaler. Aktualisiert am 17.05.2010
An die Biennale in Venedig werden nur die Säulenheiligen der Schweizer Kunst geschickt, von Pipilotti Rist bis Silvia Bächli. Letztes Jahr jedoch durfte auch ein weniger Heiliger mit: der Genfer Fabrice Gygi (geb. 1965). Prompt brachte er mit einer kalten Gitterstruktur etwas Sadomaso-Atmosphäre in die Kirche San Staë. Und dass ihm gerade auch Säulen, diese tragenden Stützen der Kunstgeschichte, nicht heilig sind, zeigt er nun bei Francesca Pia. Beim Eintreten ein kurzer Schock: Ist die Galerie etwa einsturzgefährdet? Jedenfalls hat Gygi seine älteren «Colonnes» in den Raum montiert. Auf den ersten Blick muten die drei Säulen an wie Stützelemente – es sind aber nur weisse Planen, die, zu Zylindern gerollt, von der Decke hängen. Eine typisch gygische Materialumdeutung: Die Planen schützen vor Regen, nicht aber vor Einsturz. So waren auch die Gitter in Venedig mit Schlössern gesichert – dahinter lag nichts. Trotz ihrer Funktionslosigkeit verfügen Gygis Werkstoffe über einen gewissen Reiz, der sich gerade aus ihrer spartanischen Nüchternheit ergibt. Es überrascht deshalb, dass die neuesten Arbeiten des Künstlers Schmuckstücke aus Silber sind. An Lederriemen hängen sie in der Galerie und lesen sich wie ein Rückblick auf sein Œuvre: Die Kollektion umfasst etwa ein minenartiges Gebilde, wie es der Genfer andernorts auch schon gross in den Ausstellungsraum gehängt hat. Oder ein Silberstück, das an jene Abschrankungselemente erinnert, welche er bereits für Installationen verwendet hat. Kunstvoll Perforiert Trotz der ungewohnten Materialität handelt es sich bei der Übersetzung der Arbeiten in Schmuckstücke also um einen konsequenten Schritt: Gygi arbeitet im Raum dermassen unverwechselbar, dass die Werke auch als Embleme am Hals funktionieren – weniger als Gygi-Merchandise denn vielmehr als Peace-Anhänger, die die gesellschaftskritischen Anliegen des Künstlers repräsentieren. Gygi selbst ist dem Körperschmuck in Form von Tattoos denn auch nicht abgeneigt: Bereits 2001 hat er eine Ausstellung in Genf «Self-Tattoos» genannt. Einige der neuen grafischen Arbeiten sind denn auch perforiert, wie die Haut beim Stechen. Und auch hier greift der Genfer wieder sein eigenes Werk auf: ein Kreis – die Grundfläche der «Colonnes» ebenso wie der Querschnitt der Mine – wird molekülartig um weitere Kringel erweitert. Auch wenn Gygis Kunst in ihrer Zivilschutz-Kühle nicht allen bis ganz unter die Haut gehen wird: Unter die Epidermis geht sie jedem – gerade wie Tätowiertinte.



Von klein auf kompetent: Der «züritipp» Newsletter bringt Ihnen täglich Tipps für Kino, Musik, Theater, Kunst & Gastro.