Auf Streifen gehen
Von Daniel Morgenthaler. Aktualisiert am 18.01.2012
«Truthsssss!» Kerim Seiler (37) betont das Plural-S des englischen Wörtchens wie eine Schlange in einem Trickfilm. «Bruce Nauman hatte mit einer seiner Neon-Arbeiten einst proklamiert, dass der wahre Künstler der Welt hilft, indem er mystische Wahrheiten enthüllt: ‹The true artist helps the world by revealing mystic truths.› Und ich glaube, er hatte durchaus recht. Es kann in der Kunst immer nur verschiedene Wahrheiten geben, nicht eine einzige.»
Trotzdem hat Seiler nun das Statement des amerikanischen Künstlerstars quasi korrigiert: Auf einem eigenen Neon-Werk, das mitten im Kunstraum Walcheturm hängt und exakt die gleiche Spiralform hat wie die Nauman-Arbeit, steht jetzt, zitiert nach einem kirchlichen Kanon: «Ego sum pauper, nihil habeo et nihil dabo.»
Lateinsprechende Kunstfreunde wissen: Diese Aussage trifft nun ganz und gar nicht auf den in Zürich lebenden Seiler zu. Denn einerseits ist er weder arm («Ego sum pauper»), noch hat er nichts («nihil habeo»). Vielmehr wurde er soeben mit dem Preis der Stiftung Dr. Georg und Josi Guggenheim ausgezeichnet. Dafür bekommt er nicht nur die seltsam betitelte Ausstellung «Omnitlotl» im Kunstraum Walcheturm, sondern obendrein eine Publikation finanziert, die im Mai erscheinen wird – gestaltet vom Zürcher Grafiker, Künstler und Off-Space-Betreiber A. C. Kupper.
Kerim Seiler ist aber ebenso wenig einer, der nichts gibt – obwohl er eben dies in lateinischer Neonschrift postuliert («nihil dabo»). Vielmehr überlässt er dem Publikum im Walcheturm eine Reihe sehr spannender Arbeiten: So hat er etwa einen zweiten Boden verlegt aus Brettern, die zuvor mit Farben aus dem von ihm kreierten, sogenannten amerikanischen Farbkreis angestrichen wurden. Diese Streifung korrespondiert mit den verstörenden Linienmustern, die Seiler als in verschiedenen Neonfarben leuchtende Tapeten direkt an der Wand angebracht hat.
Die Krönung dieses farbenfrohen Ensembles ist schliesslich eine weitere leuchtende Arbeit auf dem Dach. «Sie erinnert mich etwas an die Turmspitze der St.-Peter-Kirche», meint Seiler. Nur, dass sein in den Grundfarben Rot, Gelb und Blau leuchtet.
Doch Seiler gibt nicht nur den Schweizern. Einen Tag nach Eröffnung seiner Walcheturm-Schau letzte Woche ist er bereits wieder ins südafrikanische Johannesburg gereist, um seine Arbeit «Relay (Situationist Space Program)» fertigzustellen: einen wiederum gestreiften, sinnigerweise im afrikanischen Farbkreis gehaltenen Holzverschlag. Errichtet auf dem Flachdach eines Hauses, wird er nach Fertigstellung lokalen Künstlerinnen und Künstlern als luftiges, farbenfrohes Atelier zur Verfügung stehen.
Seiler ist also gewissermassen selbst so nomadisch wie seine «Nomadic Structures». Die werden ebenso von Menschen in Lesotho gesehen, welche noch wie vor 10 000 Jahren leben, wie sie auf dem Basler Novartis-Campus von Kindern in Beschlag genommen werden. Und wenn Seiler gerade in seinem Schlieremer Atelier arbeitet, engagiert er sich zudem noch als Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer. Von wegen «Nihil dabo»!



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