Amuse-Bouche
Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 12.05.2010
Er bewährt sich in der Kunst immer wieder aufs Neue: der Mut zur Hässlichkeit. Diese Erkenntnis macht sich Anina Schenker (geb. 1971) in ihrer Videoarbeit «Pirouette» eindrücklich zunutze: Die gebürtige St. Gallerin dreht sich darin in extremer Zeitlupe um die eigene Achse. Die Auswirkungen der dabei beteiligten Kräfte auf ihr attraktives Gesicht sind alles andere als vorteilhaft – und ungemein komisch. Würde im Physikunterricht solches Anschauungsmaterial verwendet – man fände die spröde Materie gleich um einiges packender. Schenkers Video ist Teil der aktuellen Gruppenausstellung «Position 1» bei Bob Gysin, die ein halbes Dutzend Kunstschaffender ausserhalb des Galerieprogramms vorstellt. Darunter Andreas Kocks (geb. 1963): Der Deutsche negiert die Devise, wonach man klotzen sollte, statt zu klecksen, indem er einen riesigen Fleck an die Stirnwand der Galerie klatscht. Bei näherer Betrachtung entpuppt sich der Klecks als graphitüberzogener Scherenschnitt, den Kocks mit feinen Nadeln an die Wand geheftet hat. Die filigrane Ausführung kontrastiert reizvoll mit dem saloppen Motiv. Am anderen Ende des Raumes blickt man in die schlundartige Öffnung eines kegelförmigen, an Drechselarbeiten erinnernden Hohlkörpers. Frontal betrachtet, erinnert er an Saturnringe; von der Seite an eine Seismografenaufzeichnung. Tatsächlich hat Andrea Wolfensberger (geb. 1961) hier die Tonspur eines Kinderlachens dreidimensional umgesetzt. Mit der Zürcherin hat sich eine Künstlerin in die Ausstellung geschlichen, die eigentlich schon fest ins Galerieprogramm gehört. Offenbar hat man sich doch nicht ganz auf die auswärtigen Künstler verlassen wollen. Dennoch: «Position 1» präsentiert neue Kunst in Amuse-Bouche-grossen Häppchen, die durchaus Appetit auf mehr machen.



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