Von sprödem Charme
Von Feli Schindler. Aktualisiert am 23.11.2011
Es gibt Überhöckler in Kneipen, die sich zu nachtschlafender Stunde plötzlich in Luft auflösen. Die Zeche bezahlt dann ein anderer, allenfalls der Wirt. So weit, so umgangssprachlich. Dass aber «Zeche» ursprünglich den Zusammenschluss von Bergwerksleuten bezeichnete oder den Beitrag an deren Gewerkschaft, wissen heute wohl die wenigsten.
Für Bernd Becher (1931-2007) freilich waren Zechen Teil seiner Familiengeschichte. Er wuchs in Siegen (Nordrhein-Westfalen) auf, wo bereits der Grossvater und der Urgrossvater ihr Brot im Bergbau verdient hatten. Fasziniert von den Arbeitsstätten seiner Vorfahren, begann der junge Künstler die Industriegebäude erst abzuzeichnen, dann – weil es schneller und präziser ging – zu fotografieren. Seit Ende der 50er-Jahre inventarisierte er mit seiner späteren Ehefrau Hilla Wobeser (geb. 1934) Zechen, Hochöfen, Wasser- und Fördertürme im Siegerland, im Ruhrgebiet, in Westeuropa und in den USA. Wissenschaftliche Neugier und der Wille, eine dem Abbruch geweihte Welt fotografisch zu erhalten, trieben das Paar an. Niemand konnte damals ahnen, dass gewöhnliche Nutzbauten dereinst unter Denkmalschutz gestellt würden. Und so schufen die Bechers ein grandioses enzyklopädisches Werk über die Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts.
Bernd und Hilla waren in vielerlei Hinsicht Pioniere: Sie vermochten einem spröden Gasometer, einem Kühlturm oder einem Hochofen Charme abzugewinnen. Dabei arbeiteten sie oft verbotenerweise, schlichen um Anlagen, fokussierten «hässliche» Gebäude und drückten ab. Der 1976 zum landesweit ersten Professor für Fotografie an die Kunstakademie Düsseldorf berufene Becher und seine Frau verschrieben sich einer rigiden Arbeitsweise: Nüchterne Sachfotografie, davon waren sie überzeugt, wurde ihren Sujets am besten gerecht. Zentralperspektivischer Bildaufbau war oberstes Gebot, um den Blick von Nebensächlichem wegzulenken; ein leicht erhöhter Aufnahmestandort sollte verhindern, dass hohe Gebäude perspektivisch verzerrt würden. Stets wurde bei diffusem Licht fotografiert, denn Sonnenschein hätte Schattenwurf, also Dramatik und Atmosphäre bedeutet – etwas, das die beiden tunlichst vermeiden wollten.
Die Bechers haben Zweckbauten zu Kunst erhoben, indem sie diese wie «anonyme Skulpturen» inszenierten. Tausende von Schwarzweissabzügen entstanden, die in Serie erst recht Wirkung erzielten und Typologien, etwa jene des Wasserturms oder des Hochofens, schufen. Die beiden Künstler, so wird augenzwinkernd kolportiert, entdeckten im Nebeneinander des Immergleichen die Lust am kleinen (formalen) Unterschied. Mit ihrer Bildsprache und dem konzeptionellen Vorgehen beeinflussten sie ihre berühmten Schüler Thomas Struth, Candida Höfer, Andreas Gursky und Thomas Ruff, welche die Gegenwartsfotografie endgültig in den Kunstolymp hieven sollten. Nun zeigt das Fotomuseum Winterthur in Zusammenarbeit mit «Ruhr.2010», der letztjährigen Kulturhauptstadt Europas, Bernd und Hilla Bechers Industrielandschaften.
Die Abzüge erweitern gewissermassen den vergleichenden Blick auf ganze Berg- und Hüttenwerke. Und so reihen sich die historischen Anlagen wie stumme Zeugen der Schwerindustrie aneinander. Die menschenleeren Bergwerke in grauer Landschaft sind der Abgesang auf eine vergangene Epoche. Melancholie könnte einen erfassen, wüsste man nicht um die Entbehrungen und Opfer, welche der Bergbau stets auch gefordert hat. Sachfotografie ist eigentlich eine hoch emotionale Angelegenheit.



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