Stinkparanormal
Von Daniel Morgenthaler. Aktualisiert am 21.09.2011
Die Fotografie ist an den Pflock des Augenblicks gebunden. Obwohl der Philosoph Friedrich Nietzsche dies eigentlich von der Kuh sagte, gilt selbiges auch für die Kamerakunst, die ja nur immer einen Moment erfassen kann. Die Künstlerin Susana Perrottet hat nun aber einen Weg gefunden, die Vergangenheitsschichten fotografischer Bilder freizulegen: indem sie Personen hineinzeichnet, die zwar nicht sichtbar - weil bereits verstorben -, aber der festgehaltenen Szene doch irgendwie eingeschrieben sind.
In der riesenhaft an die Wand projizierten Arbeit «Visión Compartida» sind zuerst nur Fotografien sichtbar - die sich aber auf einmal kontinuierlich in Zeichnungen zu verwandeln beginnen. Neben Personen, die an einer Urnenwand stehen, taucht dann plötzlich genau diejenige auf, die früher schon in einer Urne verschwunden ist. Oder in einem Zimmer sitzt unversehens nicht mehr nur ein Mann beim Fernsehen, sondern auch eine Frau, die sich offensichtlich wie zu Hause fühlt: Die Peru-Schweizerin Perrottet holt mit dem Zeichenstift verstorbene Familienmitglieder quasi aus der Körperlosigkeit in den Bildraum zurück.
Mit ihrer ebenfalls ausgestellten ZHdK-Masterarbeit «Percepción» stellt Perrottet klar, dass sie nicht vor Unabbildbarem haltmacht. Statt des zeichnerischen Naturalismus interessiert die 36-Jährige hier nämlich eher der «Übernaturalismus»: Sie kombiniert eine Tonspur, auf der Einwohner der peruanischen Hauptstadt Lima von übernatürlichen Erlebnissen berichten, mit animierten Zeichnungen dieser Phänomene. So sieht und hört man von einer Badewanne, in die nachts von selbst Wasser einläuft, oder von Fotos, die nicht zerrissen, sondern verbrannt werden, weil sonst die Abgebildeten Schaden nehmen könnten.
Die kleinformatigen Gemäldchen sowie die Dutzenden von Zeichnungen, die Perrottet derzeit im Kunstraum Baden ausstellt, möchte man freilich weder zerrissen noch verbrannt wissen. Während in den übrigen Werken Paranormales mit kräftigem Strich ans Licht geholt wird, verschwinden die fantasmagorischen Motive letztgenannter Bleistiftskizzen schon fast wieder von den Blättern - sie sind gleichsam nur aufs Papier gehaucht. Schon wieder ein Nietzsche-Zitat, oder was? Nein, nur ein Ausdruck, der schon von zahllosen Kunstjournalisten auf verschiedenste Künstler angewendet wurde. Aber hier stimmt er wirklich.
Kunstraum Baden, Haslerstr. 15, www.kunstraum.baden.ch Bis 20.11., Mi-Fr 14-17 Uhr, Sa / So 12-17 Uhr, Eintritt frei



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