Ent-Art
Von Daniel Morgenthaler. Aktualisiert am 08.02.2012
Was Steroide für den Bodybuilder, war das Nazitum für die Bildhauerei: Der Muskelaufbau bei Bronzeskulpturen ging wohl kaum je so rasant voran wie unter Adolf Hitler. Ein Paradebeispiel für eine aufgepumpte Lieblingsfigur des Führers war der «Prometheus» von Hausskulpteur Arno Breker. Fast drei Meter hoch, in Bodybuilderpose, neckisch die Fackel in der Hand. Alles, was etwas weniger machoid daherkam, landete 1937 in der Ausstellung «Entartete Kunst». So etwa der «Zwitter» von Karl Genzel: eine kleine, rot lackierte Holzfigur mit beiderlei Geschlechtsmerkmalen.
Es ist entsprechend quasi eine späte Genugtuung für Genzel, wenn der Venezolaner Javier Téllez (geb. 1969) nun diese zwei Skulpturen durch einen einfachen Trick ebenbürtig macht: Er filmte die beiden Figuren und parallelprojiziert sie nun in der Galerie von Peter Kilchmann in identischer Grösse.
«Rotations (Prometheus and Zwitter)», sein neuestes Werk, reiht sich so lückenlos in Téllez Gesamtwerk ein: Denn dem in New York und Berlin Lebenden geht es mit seinen Arbeiten meist um die Wertschätzung von Miss- oder Verachteten. 2008 zeigte er (ebenfalls bei Peter Kilchmann) einen Film, in dem Blinde einen Elefanten ertasten – und uns den Dickhäuter kurzerhand neu sehen lernen. Und auch Psychiatrisierte kommen bei Téllez immer wieder zum Zug. So im Film «O rinoceronte de Dürer (Dürers Rhinoceros)» von 2010, der nun im zweiten Saal der Galerie zu sehen ist: Mit psychiatrischen Patienten in Workshops erarbeitet, spielt die zerstückelte Geschichte in einer ehemaligen Irrenanstalt. Wie bei den beiden Skulpturen im ersten Raum verändern sich hier die Verhältnisse: Sind wir das muskulöse Normalbild und die Psychiatrierten die seltsam schizophrene Zwitterfigur? Oder haben nicht vielmehr auch wir zu viele ideologische Steroide intus, wenn wir glauben, wir müssten das etwas Abweichende möglichst unsichtbar in Anstalten versorgen?



