Tages-Anzeiger



Dem Klischee ins Gesicht gelacht

Von Anna Francke. Aktualisiert am 01.02.2012

Die irakische Künstlergruppe Urnamo zeigt in ihrer ersten grossen Einzelausstellung, wie man kulturell geprägten Vorurteilen mit Humor begegnet.

Obacht! Mit dem Panzer kommen auch die eigenen Vorurteile angerollt.

Obacht! Mit dem Panzer kommen auch die eigenen Vorurteile angerollt.
Bild: Urmano/Kunsthalle Winterthur


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Sie haben Ihren Kopf noch nie durch das Lochgesicht einer Pappfigur gesteckt und für ein witziges Foto posiert? Dann können Sie dies bald nachholen, an der ersten umfassenden Einzelausstellung des Künstlerkollektivs Urnamo. Amüsant wird das freilich nur vordergründig, denn es handelt sich bei diesen Pappkameraden im wörtlichen Sinn um gesichtslose Repräsentanten der fünf grossen Weltreligionen. In einem Instant-Rollenspiel kann das Publikum in die plakativ gemalten Kluften schlüpfen, was die Konfession als austauschbare Äusserlichkeit vorführt – ganz im Gegensatz zum Glauben als geistigem Anliegen.

Urnamo, das sind die Brüder Wathiq und Wamidh al-Ameri (geb. 1972 / 1977) sowie Ali al-Fatlawi (geb. 1972), die ihre Ausbildung alle an der Kunstakademie in Bagdad absolvierten. Während des Regimes von Saddam Hussein verliessen sie den Irak und setzten ihr Studium in der Schweiz fort; inzwischen arbeiten sie – individuell und als Kollektiv – in Winterthur.

Ihre Wurzeln, ihren Migrationshintergrund und die westliche Wahrnehmung arabischer Kulturen lassen die drei in ihre experimentellen, nicht selten von schwarzem Humor durchwirkten Werke einfliessen: So haben sie während ihres jüngsten Aufenthalts im Irak einen Mann auf einem kunstvoll gefertigten Teppich sitzend fotografiert – und Letzteren später von einem Panzer überrollen lassen. Gezeichnet von zwei breiten Raupenspuren, liegt der Teppich nun in der Kunsthalle Winterthur. Eine einfache Geste – und zugleich ein vielschichtiger Kommentar zur vom Krieg gezeichneten Heimat.

Unter die Räder kommen hierbei nicht nur der Läufer, sondern auch interkulturelle Missverständnisse: Im Bewusstsein, dass das Aufeinandertreffen verschiedener Glaubensrichtungen oder Ethnien ein Konfliktpotenzial birgt, das oft polemisch angegangen wird, setzt Urnamo genau dort an, wo sich Interpretationsspielräume und unterschiedliche Leseweisen eröffnen. Mit scharfem Blick und aus der doppelten Perspektive des Orients und des Okzidents fokussiert das Trio auf kulturell codierte Symbole und auf medial gespeiste Zerrbilder.

Indem man sein Gesicht den eingangs erwähnten Kartonfiguren leiht, wird man Teil eines virtuellen Karussells der Symbole, Bedeutungen und Stereotypen. Die spielerische Maskerade wird letztlich zum Blick in den Spiegel, der dazu anregt, eigene Wahrnehmungsmuster zu hinterfragen. Vernissage Sa 17 Uhr. Bis 9.4.Mi–Fr 12–18 Uhr, Sa 12–16 Uhr

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