Auf dem Sprung
Von Daniel Morgenthaler. Aktualisiert am 02.05.2012
2011 war ein Jahr zum Davonlaufen: der Tsunami in Japan, die europäische Währungskrise, der Krieg in Libyen. Kein Wunder also, dass Pressefotografinnen und -fotografen mit ihren Kameras letztes Jahr den Menschen – und die Welt – in Bewegung einfingen. Und dafür nun Preise einsammeln: Yuri Kozyrev, Gewinner des World Press Photo Award in der Kategorie «Spot News Singles», hat libysche Rebellen beim Auseinandersprengen während eines Angriffs abgelichtet. Er war offensichtlich mittendrin statt nur dabei: nichts mit Kamera-gerade-Halten, nichts mit sorgfältiger Wahl des Bildausschnitts. Wie die Rebellen musste auch der Russe offensichtlich schnell schiessen – und hat das erstaunlich scharf hinbekommen.
Doch auch hierzulande mussten sich die Fotografen letztes Jahr sputen. Das Swiss Press Photo of the Year 2011 zeigt einen Banker in Schale, wie er im strömenden Regen über den Paradeplatz spurtet. Es stammt aus der Schwarzweiss-Serie «Bank on Us» des Fotografen Mark Henley. Ob der Anzugträger vor Occupy-Paradeplatz-Vertretern davonsprintet oder einfach kurz im Sprüngli ein Truffes-Brioche holen will, bleibt unklar. Jedenfalls zeigt dieses Bild, dass auch hierzulande ganz buchstäblich etwas lief letztes Jahr.
Dennoch könnten die fotografischen Sprachen der beiden prämierten Bilder kaum verschiedener sein – wie sich ab dieser Woche auch in zwei Ausstellungen in Zürich zeigt: Im Papiersaal in Sihlcity öffnet am Donnerstag eine Schau mit den Gewinnern in den neun Kategorien des World Press Photo Award. Am Samstag zieht dann das Landesmuseum mit den prämierten Swiss Press Photos des letzten Jahres nach – in sechs Kategorien, von «Aktualität» bis «Sport».Während der gestochen scharfe und in seiner Farbigkeit sonnig grelle Schnappschuss aus Libyen die Atemlosigkeit und die Aktualität des Konflikts 1 : 1 überträgt, nostalgisiert der in Genf lebende Brite Mark Henley seinen einsamen Banker nur schon durch die Verwendung eines Schwarzweissfilms. Und während in Libyen einzig die Kunst der schnellen Flucht zählte, spielte auf dem Paradeplatz auch noch die Fotokunst hinein. Der schwarzweisse Läufer referiert ganz klar auf jenen Pariser, der in einer ikonischen Fotografie des Franzosen Henri Cartier-Bresson von 1932 über eine Pfütze hinter dem Bahnhof Saint-Lazare springt.
Der Rückgriff auf die fotografische Tradition ist kein Zufall: Denn während bewaffnete Konflikte an sich – man hört und schreibt es nicht gern – schon von makabrer Fotogenität sind, werfen Finanzkrisen (neben nach unten zeigenden Wertekurven) nur wenig spannendes Bildmaterial ab. Der im Regen rennende Banker allerdings hat durchaus selbst das Zeug zur Ikone. Und die Tatsache, dass man auf den ersten Blick meint, hier eine historische Fotografie vor sich zu haben, hat auch ihre Berechtigung: Schliesslich halten die Banken ja auch noch an Traditionen wie dem Bankgeheimnis fest.



