«Vorurteile Bitte draussen lassen»
Von Martina Wernsdörfer Sprach Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 25.01.2012
Martina Wernsdörfer, wie muss man sich eine Ausstellung zur Alltagskultur im revolutionären China vorstellen?
Ausgangspunkt der Schau ist die Sammlung von Dr. Helmut Opletal, der in den 70er- und 80er-Jahren in China lebte – erst als Student, später als Korrespondent des ORF. Er bekam quasi live mit, wie Mao starb, wie die Kulturrevolution zu Ende ging, wie die Reformperiode anfing. Damals begann er, Alltagsgegenstände zu sammeln, in denen sich die «rote Ästhetik» widerspiegelte: vom Teekrug über den Plattenspieler bis hin zur Bettdecke. So kamen mit der Zeit etwa 3000 Objekte zusammen – eine riesige Sammlung! Bevor er diese dem Völkerkundemuseum in Wien übereignete, verwahrte er sie in seiner Wohnung. Das muss ein spektakulärer Anblick gewesen sein.
Haben Sie ein persönliches Lieblingsexponat?
Es gibt da einen Wecker, den ich einfach genial finde. Auf dem Zifferblatt schwenkt ein Persönchen in Rotgardisten-Uniform im Sekundentakt die «Mao-Bibel». Das transportiert unglaublich viel: Eine neue Zeit wird eingeläutet. Eines der skurrilsten Objekt ist wohl ein kleiner Anstecker mit einem Atompilz drauf. Das stimmt schon nachdenklich – und zeigt eben auch, mit welcher Radikalität die Ziele damals verfolgt wurden . . .
Solche Dinge schafften sich die Chinesen damals tatsächlich an?
Und ob! Die Kulturrevolution wurde ja, zumindest zu Beginn, nicht einfach von oben nach unten dirigiert, sondern stark vom Volk getragen. Entsprechend gross war die Nachfrage nach «Devotionalien». Abgesehen von der politischen Botschaft, die diese Gegenstände transportierten, waren sie auch modern – und entsprechend kostbar: Anfangs besass keineswegs jeder solche Dinge, sondern man erhielt sie als Geschenk oder Auszeichnung. Später wurden diese Prestigegüter zunehmend zur Massenware. Alles, was man im Alltag brauchte, trug plötzlich Maos Konterfei.
Wie erklären Sie sich, dass dieser Personenkult teilweise bis heute anhält?
Wie man es dreht und wendet: Mao Zedong war eine grosse Persönlichkeit. Im Unterschied zum Westen ist er in China eine positive Figur. Taxifahrer haben Mao als Talisman am Rückspiegel hängen. Betitelungen wie «Massenmörder» sind ihnen indes völlig fremd.
Vielfach wird behauptet, China würde sich seiner roten Vergangenheit nicht stellen.
China stellt sich dem Thema jeden Tag aufs Neue. Nur ist die Art der Verarbeitung nicht die, die vom Westen diktiert wird. Achten Sie mal darauf, wie offen und heftig die Debatte über die Kulturrevolution in China weiterläuft, in Blogs, Diskussionsrunden, der zeitgenössischen Kunst – Sie werden staunen.
Und doch bleibt der Westen skeptisch . . .
Ich erlebe das immer wieder: Sobald Sie etwas Positives über China sagen, stehen Sie mit dem Rücken zur Wand, und die Leute vermuten, Sie seien Maoist oder sonst irgendwie infiziert. Ein Ziel der Schau ist es, Vorurteile abzubauen, zu zeigen, dass die chinesische Kultur vielfältiger, komplexer ist, als man gemeinhin glaubt. Jenseits der Stereotype gibt es so viel zu entdecken.
Gibt es Parallelen zwischen dem Roten China und der aktuellen Situation in Nordkorea?
Ich verstehe schon, dass die Leute die Bestattung von Kim Jong-il sehen und denken: Das ist doch wie damals bei Mao Zedong. Letztlich sind es aber zwei verschiedene Staaten mit verschiedenen Systemen in verschiedenen Zeiten.
Vernissage Do, ab 18 Uhr Bis 10.6. Eintritt frei Di–Fr 10–13 und 14–17 Uhr, Sa 14–17 Uhr, So 11–17 Uhr



