Tages-Anzeiger



Zug fährt ein

Aktualisiert am 17.02.2012

Pascal Blum über Martin Scorseses «Hugo» und warum man vor Zügen im Kino eigentlich Angst haben müsste.

pascal.blum@zueritipp.ch

Nächster Anschluss: Interregio «Hugo» ab Gleis 3. Die Liebhaberfahrt mit Dampfantrieb! Für die Gruppe «Filmnerds» ist im hinteren Teil des Zugs reserviert.

– «Verzeihung, worum geht es?»

Um «Hugo», Martin Scorseses elfmal für den Oscar nominierte Hommage an den Ursprung des Kinos. Respektive um Eisenbahnen.

Scorsese erzählt die Geschichte eines Waisenjungen, der 1931 in einem Pariser Bahnhof lebt, wo er dem Filmpionier Méliès begegnet. Das ist putziger Blödsinn. Geradezu infam ist aber, wie Scorsese die Vorführung eines der ersten Filme der Geschichte zeigt: «Einfahrt eines Zuges in den Bahnhof von La Ciotat» der Brüder Lumière. Als die Zuschauer 1895 den Zug von der Leinwand auf sich zurollen sahen, flohen sie panisch.

Gut, das ist vielleicht erfunden oder zumindest übertrieben. Aber Mythen haben ihre eigene Leuchtkraft. Und die Vorführung dürfte in der Tat ein Schock gewesen sein. Bei Scorsese jedoch erleben wir diesen Urknall des Kinos als possierliche Rückblende: In «Hugo» weichen schlanke Damen in Hüten leicht pikiert vor der Leinwand zurück. Mr. Scorsese, so war es ganz bestimmt nicht! Selbst wenn es so, wie es gewesen sein soll, eben auch nicht war.

Als sei das nicht genug, motzt Scorsese das Motiv später in seinem Film sogar noch auf: In 3-D lässt er eine digital entfesselte Dampflokomotive quer durch den Bahnhof donnern und dann auf die Strasse krachen. Bitte zurücktreten! Diese Zugeinfahrt ist so atemberaubend, dass man kurz gähnen muss. Wirklich schlimm ist aber, wie hier über 100 Jahre Filmgeschichte verdampfen: Ein Mythos verkommt zu einem Spezialeffekt.

Egal, ob das Publikum einst aus dem Kino geflohen ist oder nicht: Bei «Hugo» hat es dafür triftige Gründe.

«Hugo» läuft in den Kinos Abaton, Arena und Corso.

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