Tages-Anzeiger



Kino Aktuell Amador

Vom Nutzen einer Leiche

Von Kathrin Halter. Aktualisiert am 09.02.2012

Eine Bolivianerin pflegt einen alten Spanier. Doch dann stirbt er ihr weg. Was tun? Die Frau hat eine Idee.

Die Pflegerin hat unangenehm viel Zeit, sich Gedanken zu machen über ihre Zukunft.

Die Pflegerin hat unangenehm viel Zeit, sich Gedanken zu machen über ihre Zukunft.

Amador

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Am liebsten wendet er sich Aussenseitern zu: In «Los lunes al sol» (2002) porträtierte der spanische Regisseur Fernando León de Aranoa arbeitslose Werftarbeiter. In «Princesas» (2005) kommen sich zwei Prostituierte aus Madrid näher, die einander zuerst nur als Konkurrentinnen wahrgenommen haben.

Auch in «Amador» sind die Protagonisten einander zunächst fremd: Marcela (Magaly Solier) ist eine in Spanien lebende bolivianische Rosenverkäuferin, die unglücklich mit ihrem Gastland und ihrem Freund ist, dringend Geld braucht und deshalb einen Job als Pflegerin annimmt. Amador (Celso Bugallo) ist ein bettlägriger alter Spanier, der lakonisch verrätselte Sätze von sich gibt, den halben Tag lang Puzzles macht und sich doch fast wortlos mit seiner Betreuerin versteht.

Die stille Marcela verrät Amador sogar, dass sie schwanger ist, was sie ihrem Freund verschwiegen hat. Doch vor Ablauf einer Woche ist Amador gestorben und wäre Marcela ihren 500-Euro-Job los. Deshalb tut sie gegenüber Nachbarn und den telefonierenden Verwandten so, als sei nichts geschehen. Denn sie braucht das Geld, und sie braucht Zeit zum Nachdenken.

Mit einem Anflug von schwarzem Humor inszeniert de Aranoa das stille Drama einer Realitätsflucht. Es ist das Porträt einer Frau, die aus innerer Not etwas Verrücktes tut und dennoch vernünftig handelt. Auch wird Marcelas Verhalten aufgrund ihrer Isolation in einem fremden Land nachvollziehbar.

Die Peruanerin Magaly Solier, die an der Berlinale den Goldenen Bären für «La teta asustada» gewann, spielt das sehr überzeugend. Der schwarze Humor wird allerdings so vorsichtig dosiert, dass «Amador» etwas Halbherziges hat; mehr erzählerische Kühnheit hätte der Film gut vertragen. Auch psychologisch fehlt es ihm an Spannung: Repetitiv schildert de Aranoa die Alltagsrituale, durch die Marcela Normalität vortäuscht; wie in Zeitlupe vollzieht sich ihre Entwicklung hin zu mehr Selbstbewusstsein und einem Neuanfang. Und definitiv Geschmackssache sind die symbolschwangeren Dialoge.

Amador

Regie:Fernando León de Aranoa
Produktion:Spain 2010; 112 min.
Genre:Drama
Erstaufführung:09.02.2012
Darsteller:Magaly Solier, Celso Bugallo, Pietro Sibille, Sonia Almarcha, Juan Alberto de Burgos

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