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Versunkene Zukunft

Von Pascal Blum. Aktualisiert am 09.11.2011

An den Kurzfilmtagen Winterthur zerhackt der litauische Filmemacher Deimantas Narkevicius gefundenes Bildmaterial aus dem kommunistischen Osteuropa und baut neue Hoffnungen.

Der monströse Kopf von Karl Marx steht im Zentrum des Kurzfilms «The Head».

Der monströse Kopf von Karl Marx steht im Zentrum des Kurzfilms «The Head».

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Der Kopf von Karl Marx ist riesig: Sieben Meter hoch und 40 Tonnen schwer. Die Marx-Plastik steht heute in Chemnitz (ehemals Karl-Marx-Stadt) und ist so massiv, dass sie schon bei der Entstehung auseinanderzubrechen drohte. Ein gefundenes Fressen für Deimantas Narkevicius, dessen Kurzfilm «The Head» den verantwortlichen Bildhauer dabei zeigt, wie er Marx ein bisschen an der Nase herumdrückt, bis alles sitzt.

Auch der 1964 in Litauen geborene Videokünstler Narkevicius war früher Bildhauer. In seinen Kurzfilmen untersucht er die Spuren, die der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa hinterlassen hat: Im Film «Once in the XX Century» aufersteht eine abgerissene Lenin-Statue wieder, weil Narkevi?ius die Aufnahmen rückwärts abspult. Das Idol steht wieder an seinem Platz, doch der umgekehrte Denkmalsturz hinterlässt tiefere Risse: Der Filmemacher, der vorgefundenes Archivmaterial neu anordnet, eignet sich jene versunkenen Sehnsüchte wieder an, die von der Ideologie verdeckt waren.

Ohne nostalgisch zu werden, schafft es Narkevicius mit seinen Kurzfilmen, der Geschichte ihre Möglichkeiten zurückzugeben: Zurück auf Feld eins, hin zu den kollektiven Momenten, als der Horizont noch weit offen war. Für den Kurzfilm «Into the Unknown» etwa, der den DDR-Alltag dokumentiert, wühlte Narkevi?ius im staatlichen Filmarchiv. Das Propagandamaterial aber hat er so zusammengebaut, dass die Werbeträger wieder ein menschliches Gesicht bekommen.

Dieses Jahr ehren die Kurzfilmtage Winterthur den vor allem in Kunstgalerien ausstellenden Künstler mit einem herausragenden Spezialprogramm aus zehn Kurzfilmen. Es sind eindrückliche poetische Werke, die zeigen, wie sich ehemals kommunistische Staaten aus Trümmern eine Zukunft basteln, indem sie in der zerbröckelten Vergangenheit nach verborgenen Träumen suchen.

Eine solche Hoffnung behandelt Narkevicius’ neuester Film «Restricted Sensation», der eine verbotene Liebe zwischen Männern im Litauen der 70er-Jahre erfindet: zu einer Zeit also, als Homosexualität nach sowjetischem Gesetz illegal war.

Verschiedene Veranstaltungsorte, bis 13.11. Programm: www.kurzfilmtage.ch

Sa 16.30 Uhr spricht Deimantas Narkevicius in der Alten Kaserne Winterthur über sein Werk.

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