Tages-Anzeiger



Kino Aktuell Rio Sonata

Poesie der Dämmerung

Von Urs Strässle. Aktualisiert am 08.09.2010

Der Dokumentarfilmer Georges Gachot porträtiert die brasilianische Sängerin Nana Caymmi.

Nana Caymmi in ihrer Geburtsstadt Rio de Janeiro.

Nana Caymmi in ihrer Geburtsstadt Rio de Janeiro.

Rio Sonata

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2004 hörte der Dokumentarfilmer Georges Gachot die Sängerin Nana Caymmi zum ersten Mal live. Das war bei den Dreharbeiten seines Films über eine andere brasilianische Sängerin, Maria Bethânia. Caymmi sang mit ihrer unverwechselbaren rauchigen Altstimme das Lied «João Valentão», das von der Poesie der Dämmerung am Strand von Rio de Janeiro erzählt, wenn «die Sonne dort am Ende der Welt zerbricht».

Nana Caymmis Gastauftritt am Konzertabend von Bethânia war die Geburtsstunde von Gachots «Rio Sonata». Das «Rio» im Titel verdeutlicht, dass Caymmis Geburts- und Wirkungsstätte Rio de Janeiro im Film die zweite Hauptrolle spielt. Stimmungsbilder von der Dämmerung und dem Strand der Copacabana strukturieren das Porträt der 69 jährigen Sängerin Caymmi, als hätte Gachot vor allem jene Momente einfangen wollen, in denen das Leben sich verlangsamt, die Strände sich leeren und die Menschen empfänglich werden für Poesie. Selten hat man in einem Film die Hochburg des Karnevals und des Samba so still gesehen, und selten war Rio so verregnet wie in «Rio Sonata».

«Man schätzt die Zeit erst, wenn sie weg ist», sagt Caymmi zu Beginn des Filmes. Und später: «Alt werden ist eine Strafe.» Die Dämmerung verbildlicht beides: den Verlust von Zeit und deren Zur-Neige-Gehen. Caymmis Gesang ist wie ein klagender Protest gegen das Altern, ist Melancholie und Leidenschaft zugleich. Namhafte Weggefährten Caymmis und Komponisten, die oft Lieder exklusiv für sie geschrieben haben, bezeugen denn auch, dass für die begnadete Sängerin Kunst und Leben eins sind.

Natürlich spielt in «Rio Sonata» auch die soziale Umgebung der Sängerin - zumal ihre Familie - eine wichtige Rolle. Wie Bethânia entstammt auch die klassisch geschulte Caymmi einer Musiker- Dynastie. Schon ihre Mutter war Sängerin, und ihr Vater Dorival wie auch ihr Bruder gleichen Namens, die ihr einige wunderbare Songs gewidmet haben, gehören zu den angesehensten Komponisten in Brasilien. Ihre Karriere lancierte sie als drei-fache Mutter erst ab 1966, und obwohl Nana selber in zweiter Ehe mit Gilberto Gil, dem Begründer des Tropicalismo (und Ex-Kulturminister Brasiliens) verheiratet war, blieb sie musikalisch immer ihren Wurzeln verbunden: der Klassik, dem Jazz, dem Bossa nova und der sogenannten Musica popular brasileira. «Ich singe, was ich mag», sagt Caymmi; der Tropicalismo gehörte nicht dazu. Dass die Musik Caymmis Leben ist, macht Gachots Film eindringlich klar. Sie geht so darin auf, dass sie als Person merkwürdig unscharf bleibt.

Rio Sonata

Regie:Georges Gachot
Produktion:Switzerland 2010; 85 min.
Genre:Documentary
Erstaufführung:09.09.2010
Darsteller:Nana Caymmi, Maria Bethania

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1 KOMMENTARE

Thaís Zeller

star5

Belo, poético, sensível, fotografia maravilhosa!



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