Tages-Anzeiger



Kino Aktuell Halt auf freier Strecke

Meisterwerk!

Von Pascal Blum. Aktualisiert am 18.01.2012

Was geschieht mit einer Familie, wenn beim Vater plötzlich Krebs diagnostiziert wird? Andreas Dresen («Sommer vorm Balkon») gelingt das Kunststück, einen Film zu drehen, der nicht beschönigt und doch auch optimistisch ist.

Der Vater verewigt sich und seinen Sohn im Videotagebuch.

Der Vater verewigt sich und seinen Sohn im Videotagebuch.

Halt auf freier Strecke

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«Schicksal», sagt der Arzt. Frank hat einen Hirntumor, den man nicht operieren kann. Er sitzt ruhig da, aber der Krebs reisst ihn, seine Frau Simone und die beiden Kinder brutal aus ihrem Leben im Berliner Reihenhaus. Die meisten Leute kennen eine solche Arztszene aus ihrer Fantasie und reden sich ein, sie würden eine solche Schreckensnachricht bestimmt mit Fassung ertragen.

Die Filme des deutschen Regisseurs Andreas Dresen («Sommer vorm Balkon») bewegen sich zwischen Fiktion und Dokumentarfilm: So ist der Neurologe am Anfang von «Halt auf freier Strecke» echt, Frank und Simone dagegen werden von den Schauspielern Milan Peschel und Steffi Kühnert dargestellt, die den Arzt vor dem Drehen dieser Szene noch nie getroffen hatten.

Dresen hatte ein paar Erzähllinien vorgegeben, entlang welchen die Schauspieler, von realen Ängsten ausgehend, improvisierten. Zu Beginn der Vorbereitungen war sogar unklar, wer im Lauf der Handlung sterben würde: Frank oder Simone?

Der aus Ostdeutschland stammende Milan Peschel ist einer der besten Schauspieler seiner Generation. Seine Darstellung des Krebspatienten Frank ist ebenso aufwühlend wie schonungslos, z. B. wenn dieser die Kontrolle über seinen Körper verliert und seiner Tochter ins Zimmer pinkelt.

Fortan pflegt die Familie einen Kranken, der nicht sterben will, schimpft und selbstgerecht wird. (Der Schriftsteller Robert Gernhardt, der an Krebs erkrankte, wusste das: «Ein Gesunder ist kein Umgang für einen Kranken.») Ungeschönt dokumentiert Dresen die Ohnmacht gegenüber dem Tod und den Krankheitsverlauf mit allen Kollateralschäden. In diesem Film wird keiner seine letzten Worte deklamieren, umrankt von einem Geigensolo.

Dresen lässt Frank per Handy ein Videotagebuch führen, bis sein Tumor in menschlicher Form neben ihm im Bett liegt – ein für Dresen un- gewohnter Ausbruch ins Surreale. Der Regisseur gewann für den Film aber auch eine Homecare-Ärztin, um zu zeigen, dass man selbst in finstersten Zeiten auf ein soziales Netz zählen kann.

Am erstaunlichsten ist an Dresens Meisterwerk, dass der Schmerz, die kurzen Momente von Humor, die grotesken Situationen in einen Schluss münden, der bei aller Wahrhaftigkeit optimistisch stimmt. Das Leben geht weiter, doch die da weiterleben, stehen unter einem seelischen Schock. Den empfinden auch wir im Kinosaal.

Halt auf freier Strecke

Regie:Andreas Dresen
Produktion:France, Germany 2011; 110 min.
Genre:Drama
Erstaufführung:19.01.2012
Darsteller:Steffi Kühnert, Milan Peschel, Talisa Lilly Lemke, Mika Seidel, Ursula Werner

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