Tages-Anzeiger



Kino Aktuell The Ides of March

Brutus im Massanzug

Von Andreas Scheiner. Aktualisiert am 21.12.2011

Der Wahlkampfhelfer (Ryan Gosling) einer amerikanischen Päsidentschaftskandidaten (George Clooney) sieht sich vor eine folgenschwere moralische Entscheidung gestellt.

Ryan Gosling als Wahlkampfhelfer von Strahlemann & Söhne.

Ryan Gosling als Wahlkampfhelfer von Strahlemann & Söhne.

The Ides of March

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Hat sich in der Politik wirklich nichts geändert seit den alten Römern? Dies jedenfalls legt der Titel von George Clooneys Politthriller nahe: 44 v. Chr. nämlich warnte ein Hellseher den Diktator Caesar vor den Iden des März. Und an ebendiesem Datum, am 15. März, brachten Senatoren, darunter Caesars Schützling Brutus, den Diktator mit 23 Messerstichen um.

In «The Ides of March» inszeniert sich Clooney als charismatischer, aber auch machthungriger US-Gouverneur, der Präsident werden will und vermutlich nur deshalb niemanden niedersticht, weil die Zeit nach feineren Methoden verlangt.

Vordergründig wirkt dieser Politiker wie von der PR-Agentur entworfen: ein Strahlemann, eloquent, volksnah. Mit einem Altmeister der Kampagnenleitung (Philip Seymour Hoffman) begibt sich der Gouverneur in den Vorwahlkampf der Demokraten.

Die Nummer zwei in der Kampagnenleitung ist Stephen (Oscar-verdächtig: Ryan Gosling), ein blitzgescheiter Jungspund, der im Unterschied zu den abgebrühten Politprofis noch Ideale hat. Als ihn die Konkurrenz abwerben will, hält er seinem Gouverneur die Treue. Doch dann lässt sich Stephen auf eine Affäre mit der Praktikantin (Evan Rachel Wood) ein – und Praktikantinnen bedeuten in der US-Politik bekanntlich Ärger.Ärger dürfte sich auch Hollywoods Muster-Demokrat George Clooney mit «seiner» Partei einhandeln. Ist der Nespresso-Star zur Tea Party übergelaufen? Rückenstärkung für Obama sähe anders aus: Clooneys Gouverneur ist ein weisses Abziehbild des momentanen Machthabers, und im Film erweist sich dieser «Anti-Politiker» als Schleimscheisser zwischen Guttenberg und den Marionettenpräsidenten aus «Manchurian Candidate». Trotzdem wäre es vermessen, «The Ides of March» als das Werk eines Wutbürgers zu deuten. Clooney wirft keinen ernüchterten, sondern einen nüchternen Blick auf den Präsidentschaftswahlkampf in den USA; ihm und seinem Weltklasse-Cast gelingt eine bissige Studie darüber, wie Macht den Menschen verändert. Kritiker in den USA werfen dem Film Zynismus vor, aber dies spiegelt höchstens ihre Hoffnung wider, dass das Polittheater in Wirklichkeit nicht gar so zynisch sei. Womit wir wieder bei den alten Römern wären.

The Ides of March

Regie:George Clooney
Produktion:USA 2011; 98 min.
Genre:Thriller
Erstaufführung:22.12.2011
Darsteller:George Clooney, Ryan Gosling, Marisa Tomei, Evan Rachel Wood, Philip Seymour Hoffman

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1 KOMMENTARE

Gerd Hardach

star5

Ein wunderbarer Film. Spannend, und nachdenklpich stimmend. Frage am Schluss: bringt Wahlkampagnen-Leiter Stephen den Präsidentschaftsbewerber zu Fall (Modell Brutus), oder stützt er ihn weiter, um an der Macht Anteil zu haben? Rating: *****



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