Tages-Anzeiger



Kino Aktuell Le gamin au vélo

Am Strampeln

Von Kathrin Halter. Aktualisiert am 11.01.2012

Ein verlassener Knabe trifft auf einen Schutzengel in Gestalt einer patenten Coiffeuse. So versöhnlich waren die Gebrüder Dardenne noch nie.

Das gabs noch nie, dass ein Star wie Cécile de France in einem Dardenne-Film mitspielt.

Das gabs noch nie, dass ein Star wie Cécile de France in einem Dardenne-Film mitspielt.

Le gamin au vélo

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An den Rändern der Gesellschaft, wo die Brüder Dardenne ihre Sozialdramen ansiedeln, ist das Überleben anstrengend und gnadenlos: So kämpft Rosetta unter den Gestrandeten einer Wohnwagensiedlung verzweifelt um ein Fleckchen Normalität («Rosetta»); die Albanerin Lorna geht unten durch für eine Existenz im Westen («Le silence de Lorna»). Und in «L’enfant» geht ein Kleinkrimineller sogar so weit, für 5000 Euro das eigene Baby zu verkaufen.

So erstaunt es nicht, wenn wir den zwölfjährigen Cyril (Thomas Doret) aus «Le gamin au vélo» zuerst vor allem strampeln sehen: Wie ein Wahnwitziger flitzt der Heimzögling durch sein junges Leben und die Strassen von Seraing. Thomas Doret spielt diesen Buben so unzähmbar lebenshungrig, dass sich die Leinwand regelrecht auflädt mit seiner verzweifelten Energie.

Das Fahrrad bedeutet Cyril alles, denn er hat es einst von seinem Vater Guy (Jérémie Renier) geschenkt bekommen. Doch der ist umgezogen, ohne seinem Sohn eine Adresse hinterlassen zu haben. Noch schlimmer: Guy hat das Fahrrad einfach weiterverkauft, als ob es noch einen Beweis mehr bräuchte für seine Lieblosigkeit. Doch dann geschieht ein Wunder: Cyril rennt auf der Flucht vor wohlmeinenden Pädagogen eine Coiffeuse (Cécile de France) um. Und diese Samantha hält fortan ihre kräftigen und schönen Arme schützend über den Knaben. Ohne Erklärung, einfach so.

Den Dardennes wurde vorgehalten, das Verhalten ihrer Heldin sei unglaubwürdig. Dabei ist gerade die Unerklärlichkeit ihrer Güte so wohltuend. Cécile de France sagt denn auch, sie habe sich bei der Interpretation ihrer Rolle darauf konzentriert, jegliche Psychologie zu vergessen.

So entsteht ein Film wie im Konjunktiv: Was wäre, wenn ein vom Unglück Verfolgter für einmal Glück hätte? Und wie könnte es sich auf sein Verhalten auswirken? Denn natürlich ist Cyril von nun an nicht gegen Versuchungen gefeit. Paradoxerweise animiert einen der märchenhafte Plot dazu, sich vorzustellen, wie schief alles hätte ausgehen können. So aber dürfen wir uns für einmal freuen. Lange wird die Freude sowieso nicht anhalten. Denn der nächste finstere Dardenne-Film kommt bestimmt.

Le gamin au vélo

Regie:Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Produktion:Belgium, France, Italy 2011; 87 min.
Genre:Drama
Erstaufführung:12.01.2012
Darsteller:Thomas Doret, Cécile De France, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione, Egon Di Mateo

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