Tages-Anzeiger



Wutbürger

Von Isabel Hemmel. Aktualisiert am 03.02.2016

Sibylle Bergs Text rechnet mit den «das wird man ja wohl noch sagen dürfen»-Männern ab. Eine traurige Gegenwartsdiagnose. Gespielt von drei Frauen.

Drei Männer, die keine sind: Henrike Johanna Jörissen, Lena Schwarz und der Fuss von Hilke Altefrohne.

Drei Männer, die keine sind: Henrike Johanna Jörissen, Lena Schwarz und der Fuss von Hilke Altefrohne.


Location

Name:
Adresse:

Infos

Datum und Uhrzeit

Am liebsten würde man ihn ohrfeigen. Robbi ist Mitte vierzig, Social-Media-Experte und sagt Sätze wie: «Die Welt, in der Frauen ihren Platz verlassen haben, endet in traurigen Orten, in denen Väter auf dem Sofa sitzen. Bürger ihre Wohnungen räumen müssen, weil einem Asylan­tenheim Platz gemacht werden muss.» Er hat eine Küche, «in die Freunde treten und anerkennend nicken», die Frau, der Sohn und der gute Job sind trotzdem weg. Wenn Robbi von Europe schwärmt, meint er die Band. Europa mit seiner Gurkenverordnung und Ländern, in die niemand in den Urlaub fahren wolle, sind ihm suspekt.

Robbi steht stellvertretend für die Spezies derer, die mit ihren stilistisch einwandfreien Kommentaren zu Themen wie ­Migration, späte Mütter und Muslime, Hipster und Homosexuelle tagtäglich die Online-Kommentarspalten verstopfen. ­Diesen «das wird man ja wohl noch sagen dürfen»-Männern hat Sibylle Berg ihren Theatermonolog «Viel gut essen» gewidmet.

Ein brandaktueller, schonungsloser und ziemlich schlauer Text ist das. Weil er nicht nur eindrischt auf diesen desillusionierten Mittelschichtler – der eine Geschmack­losigkeit nach der anderen absondert, während er in seiner geleasten Profiküche auf ein mehrgängiges Geschmackserlebnis hin­arbeitet nur für den Fall, dass die Familie doch noch zurückkommt –, sondern auch ­Verständnis für ihn, ja sogar Mitgefühl ­generiert. Berg enttarnt damit auch die ­Mechanismen populistischer Parolen und zeigt, dass Frustration und Sozialneid gefährliche Berater sind bei der Analyse ­gesellschaftlicher Veränderungen.

«Viel gut essen» wurde als chorisches Männerstück 2014 in Köln uraufgeführt. Heute wirkt das fast wie ein prophetischer Kommentar zu den Folgen der Silvesternacht. In Zürich setzt Regisseur Sebastian Nübling nun auf Verfremdung und besetzt die Schweizer Erstaufführung mit drei Männern, die sich bei genauerem Hinsehen als Frauen entpuppen.

Kommentar schreiben 






Verbleibende Anzahl Zeichen:

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.


Bestätigen

1 KOMMENTARE

michael wolf

09.02.2016, 17:20

Ja es wäre ja auch wirklich unglücklich, wenn dem Salon der Katalysator für die moralische Überlegenheit nicht mehr zu Verfügung stände. Deshalb muss wieder mal nachdrücklich der Wutbürger bemüht werden, damit in der ganzen Flüchtlingsaufregung dessen Pathologie nicht vergessen geht. Natürlich ist dies "brandaktuell, schonungslos und ziemlich schlau". Und logischerweise ein "Männerstück".