Tages-Anzeiger



Wie man spielend zu Geld kommt

Von Mario Stäuble. Aktualisiert am 23.03.2012

Endlich von der Musik leben. Davon träumen alle Nachwuchsmusiker. Am M4Music-Festival im Schiffbau treten dieses Jahr drei junge Schweizer Acts auf, die diesen Traum auf unterschiedliche Weise leben.

1/3 Valeska Steiner (l.) und Sonja Glass erobern als Duo Boy Deutschland.

   


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Datum und Uhrzeit

Programm

Die Highlights am Freitag
Boots Electric:
(USA) Jesse Hughes ist der beschnauzbartete und auch sonst bizarre Sänger der Eagles of Death Metal. Als Boots Electric macht er Elektropop mit Motti wie «Porn on the Fourth of July».21.45 Uhr Schiffbau, Halle.

Mark Lanegan (USA)
Das unerbittliche Holzgesicht des Alternative Rock fiel in letzter Zeit vor allem mit seinen grummelig- herzergreifenden Duett-Platten mit Isobell Campbell auf. Seine neue CD heisst «Blues Funeral». 0.15 Uhr Schiffbau, Box

Buraka Som Sistema (POR):
Mit das Aufregendste, was Dance-Musik zurzeit zu bieten hat. Das afrikanisch-portugiesische Kollektiv hat aus dem angolanischen Kuduro karge, transparente Tracks gebastelt, mit einer Vorliebe für psychedelisierende Stimmeffekte. 1.15 Uhr Schiffbau, Halle

Die Highlights am Samstag
Peter Kernel:
Man mag ja zu derart durchgestylter Musik stehen, wie man will – aber lustig ist es in jedem Fall, wie präzis Peter Kernel ihren löchrigen Slacker-Gitarrenpop schneidern. Die hohen Zukunftserwartungen könnten erfüllt werden.

20.30 Uhr Schiffbau, Halle

Brandt Brauer Frick Ensemble (D)
Man mag ja zu derart durchgestylter Musik stehen, wie man will – aber aufsehenerregend ist es in jedem Fall, wie da zehn Instrumentalisten aus Schlaghölzern, Klavier, Streichern, einem Bass-Synthesizer und vielem mehr Clubmusik zaubern.
0.00 Uhr Schiffbau, Box

Demotape Clinic
Die Institution des M4Music-Festivals: In vier Kategorien hören sich Jurys durch eine Auswahl der über 750 eingereichten Amateuraufnahmen. Die Sieger bekommen immerhin 3000 Franken. Fr 12.00 Uhr Pop, Fr 17.30 Uhr Electronic, Sa 12.00 Uhr Rock, Sa 17.30 Uhr Urban.
Alle: Schiffbau, Box

Conference - Die Highlights
Keynote Ralph Simon
Der Brite sieht aus wie der Geschichtslehrer einer Kleinstadtschule, aber er gilt als Klingelton-Guru und ist der Mann, der Strategien für die Entwicklung einer Madonna-App ausheckt. Ein Vortrag über eine hierzulande wirklich unbekannte Welt. Sa 15.30 Uhr Schiffbau, Box.

Clubsterben oder alles Schall und Rauch?
Die Clubkultur wird zunehmend aus den Stadtzentren verdrängt. Exponenten des Nachtlebens diskutieren.
Sa 16 Uhr Moods


Infos: www.m4music.ch

Boy - Little Numbers

Ihr passt nirgends rein – zu Indie für Pop, zu Pop für Indie. Das hörten Valeska Steiner und Sonja Glass immer wieder, als sie mit ihrem Demotape bei Plattenfirmen anklopften. Also kein Vertrag. Es blieb der Zürcher Sängerin und der Bassistin aus Hamburg nichts anderes übrig, als weiter durch Deutschland und die Schweiz zu tingeln, ein selbst gemachtes Mini-Album zu verkaufen, Mini-Konzerte vor Mini-Publikum zu spielen und bei Freunden auf Sofas zu übernachten.

«Uns redet niemand mehr drein»

Das ist keine zwei Jahre her. Heute sind Steiner und Glass bei Herbert Grönemeyers Label unter Vertrag und für einen Echo nominiert – das deutsche Pendant zum Grammy. Boy, so heisst ihre Band, hat mit dem Debüt «Mutual Friends» einen Nerv getroffen. Ihre Single «Little Numbers» hat auf Youtube über 2,5 Millionen Klicks. Zurzeit sind sie auf grosser Tour, 31 Clubs in sechs Wochen, oft sind die Konzerte ausverkauft. «Wir staunen immer noch jeden Abend, wenn wir auf die Bühne gehen», sagt Steiner. Sie lebt nun von ihren Songs, muss nicht mehr nebenbei im Café kellnern. «Aber das Grösste ist für uns, dass wir genau die Musik machen können, die wir wollen. Ohne dass uns jemand dreinredet.»

Nicht alle haben das Glück von Boy. Das Musikbusiness ist rauer geworden – die CD stirbt einen langsamen Tod, und aus dem Internet kommt noch immer zu wenig Geld. Philipp Schnyder von Wartensee, Leiter des M4Music-Festivals, sieht bereits das Ende des legalen Downloads nahen: «Weshalb soll ich einen Song herunterladen, wenn ich ihn auch streamen kann?» Gemeint ist Spotify, eine Software, die Lieder aus dem Netz direkt ins Ohr liefert, ohne dass man vorher Daten herunterladen muss. Das Grundangebot ist gratis. Toll für den Fan, schlecht für den Musiker: 0,007 Euro bezahlt Spotify laut dem Musikverteiler iMusician pro Stream.

«Völlig verrückt»

Wovon sollen Künstler leben, wenn die Musik nur noch so wenig wert ist? David Kohler, besser bekannt als Knackeboul, geht den Weg der Vielseitigkeit: Beim Jugendsender Joiz hat der Langenthaler eine eigene Show, an Schulen leitet er Workshops, er tritt als Rapper, Freestyler, DJ, Komiker und Beatboxer auf. «Ich habe das nie so geplant. Ich habe einfach gemacht, was mir Spass macht», sagt er. Dank der vielen Geldquellen kann er es sich heute leisten, mit Konzerten nichts zu verdienen – «wir haben ein aufwendiges Programm mit Videowand und fetter Lichtshow auf die Beine gestellt. Völlig verrückt, aber das ist es mir allemal wert.»

Nur noch Musik

Ähnlich kompromisslos arbeitet das Art-Punk-Duo Peter Kernel aus Lugano. Barbara Lehnhoff und Aris Bassetti drehen selbst Videos und designen T-Shirts. «Das Optische ist uns extrem wichtig», erklärt Bassistin Lehnhoff. Die Mühe hat sich bereits gelohnt, der T-Shirt-Verkauf ist für Peter Kernel zum fixen Standbein geworden. «Wir holen nochmals die Hälfte unserer Gagen mit Merchandising herein», sagt sie. Eben haben die beiden ihren Job an den Nagel gehängt. Ab sofort gibt es nur noch die Musik.

Es ist der Mut zum Risiko, der diese drei aufstrebenden Acts eint. Und da ist noch etwas: die Landesgrenzen. Sie sind aus den Köpfen verschwunden. Der M4Music-Leiter sagt: «Es ist eine neue Generation am Werk, die sich nicht mehr am Nachbardorf orientiert, sondern an den internationalen Szenen.» Und die sich an die neuen Regeln des Geschäfts gewöhnt hat.

Jeder Künstler könne heute froh sein, wenn die Leute ihn hören wollen, sagt Knackeboul. «Als ich erfuhr, dass Piraten mein erstes Album 2000-mal gratis heruntergeladen haben, dachte ich nur: voll geil!»

Infos: www.m4music.ch

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1 KOMMENTARE

Hans Kummer

29.04.2012, 02:56

Rihanna gecovered von Meyer-Landrut mein erster Gedanke, doch dann wars doch anders, besser, viel besser. Nicht mal die Schweizerdeutsche Zungenschwere stoert. Bravo Girls.



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