Tages-Anzeiger



I pugni in tasca

Turnen auf dem Sarg

Von Gregor Schenker. Aktualisiert am 27.01.2016

Mit seinem Debüt erzürnte Marco Bellocchio die Kirche – und gewann in Locarno einen Preis.

Alessandros Trauer über den Tod der Mutter hält sich in Grenzen.

Alessandros Trauer über den Tod der Mutter hält sich in Grenzen.

I pugni in tasca

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«Das ist Sandro, aus der Villa. Dort spinnen ?sie alle.» So tuscheln die Leute hinter dem Rücken von Alessandro (Lou Castel). Das Anwesen seiner Familie ist so verwahrlost wie dessen Bewohner: Die Mutter hat ihr ­Augenlicht verloren, der jüngste Bruder ist geistig zurückgeblieben und Epileptiker. Alessandro selbst leidet unter Migräneattacken und unterhält eine inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester.

Normal ist nur der älteste Bruder, Augusto (Marino Masé). Er hat einen Job, ein Auto und eine Freundin. Mit ihr würde er gern in die Stadt ziehen, er fühlt sich aber der Familie verpflichtet. Alessandro schämt sich: «Stell dir vor, Augusto, du wärst allein, ohne uns. Zum ersten Mal im Leben könntest du an dich selbst denken.» Um Augusto ein freies Leben zu ermöglichen, fasst ­Alessandro einen fatalen Plan.

1965 war Marco Bellocchio erst 26 und kam frisch von der Filmschule. Katholische Kreise reagierten heftig auf seinen Debütfilm, der am Filmfestival Locarno Premiere feierte und von der Jury ausgezeichnet wurde. «I pugni in tasca» war ein Angriff auf Familie und Religion, der die Studentenunruhen von 1968 vorwegnahm. Da turnt Alessandro auf dem Sarg seiner toten Mutter herum oder zitiert der Filmkomponist Ennio Morricone stinkfrech das «Dies Irae» aus der katholischen Totenmesse. Dabei hatte Bellocchio das Geld für den Dreh von seinen Eltern geliehen – und bei der Villa handelte es sich um das Landhaus seiner Mutter.

Neben der restaurierten Fassung von «I pugni in tasca» zeigt das Filmpodium Bellocchios aktuellen Film «Sangue del mio sangue».

I pugni in tasca

Regie:Marco Bellocchio
Produktion:Italy 1965; 105 min.
Genre:Drama
Darsteller:Lou Castel, Paola Pitagora, Marino Masé, Liliana Gerace, Pier Luigi Troglio

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