Tages-Anzeiger



Sukkulenten-Sammlung Zürich

Stacheln en Gros

Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 13.01.2016

Mehr Kaktus geht nicht: Die städtische Sukkulentensammlung bietet den Zürchern schon seit 1931 exotische Einblicke. Gratis, preisgekrönt – und piekfein.

Auf die Idee, querfeldein zu gehen, wäre hier wohl auch keiner gekommen.

Auf die Idee, querfeldein zu gehen, wäre hier wohl auch keiner gekommen.
Bild: Dieter Seeger

Sukkulenten-Sammlung Zürich

Adresse: Mythenquai 88
8002 Zürich
Telefon: 044 412 12 80
Url: http://www.stadt-zuerich.ch/sukkulenten

Kennen Sie den von Grace Kelly und der Zürcher Sukkulentensammlung? Nicht den Witz, meinen wir. Sondern den Zusammenhang. Den gibts tatsächlich. Es war nämlich Fürstin Gracia Patricia herself, die einst den «Cactus d’Or» ins Leben rief, diesen «Oscar für Sukkulentenforscher», der bis heute in Monaco verliehen wird für herausragende Leistungen in Sachen Kaktus & Co. Und zweimal ging er schon in die Limmatstadt.

2000 und 2015 war das, und das muss man den hiesigen Wissenschaftlern erst mal nach­machen; da kann sich ihre Chefin, Gabriela S. Wyss, noch so bescheiden geben. Die Botanikerin ist Leiterin der Städtischen Sukkulentensammlung – und als solche Herrin über 25?000 Pflanzen. Fünf-und-zwan-zig-tau-send! Wenn man rechnet, dass auf einem gut sortierten Schweizer Fensterbrett fünf Kakteen stehen, macht das atemberaubende 5000 Fensterbretter. Wobei man die Exemplare am Mythenquai ­natürlich nicht mit den heimischen Stachel­kügelchen und -stänglein vergleichen kann. Das sind teils meterhohe, Hunderte von Kilos schwere Brummer, die schon mal 200 Liter Wasser in sich speichern. «Der Mythos vom Verdurstenden, der einen Kaktus anzapft, um zu überleben, ist aber Chabis», sagt Wyss lachend. Höchstens könne man vielleicht am Pflanzeninneren lecken.

Und dazu müsste man das Ding erst einmal aufkriegen. Wer je einen Kaktus umgetopft hat, weiss, dass das so seine Tücken hat. In der Sukkulentensammlung, wo man im Versetzen stacheliger Flora geübt ist, wird die Pflanze jeweils mit dicken Zeitungspapierwülsten umwickelt; der Gärtner packt mit Schaumstoffpolstern zu. Und wenns ans Zurückschneiden geht, seilt sich schon mal einer vom Gewächshausdach ab, um möglichst wundarm aus der Nummer rauszukommen. Der eine oder andere Stachel im Fleisch sei allerdings unvermeidbar, gibt Wyss zu.

Die Königin der Nacht

Passendes Personal sei drum nicht leicht zu finden. «Wer bei uns anheuert, muss schon Sukkulentenfan mit Haut und Haaren sein – und mit entsprechend hoher Schmerzgrenze.» Anders würde man kaum in mehrstündiger Nifeliarbeit Samen aus Kaktusfrüchten pulen, um sie später mit Partnerhäusern rund um den Globus tauschen zu können. Oder bis lang nach Mitternacht aufbleiben, um die nur einmal im Jahr blühende «Königin der Nacht» liebevoll mit dem Pinselchen zu bestäuben. (Ihr Erblühen kann man sich, im Zeitraffer, auf der Website ansehen.)

Kleine Diven sind das bisweilen, die Sukkulenten, auch wenn sie gemeinhin als unkaputtbar vermarktet werden. Sicher: So ein Kaktus hält zur Not drei Jahre ohne Regen durch. Andererseits gibt es Arten, die man, wie manches Zootier, bald nur noch in Zuchten findet. Wyss’ Liebling fällt glücklicherweise nicht in diese Kategorie: die Aasblume, die diesen wenig schmeichelhaften Namen ihrer bestialisch stinkenden Blüte verdankt, mit der sie Schmeissfliegen zwecks Bestäubung anlockt. Zu riechen sei sie am Mythenquai jeweils nach den Sommerferien, erzählt Wyss, und das habe dann mit Grace Kelly nicht mehr viel gemein. «Aber ist es nicht faszinierend, wie trickreich diese Pflanzen vorgehen?»

Apropos Tricks: Die Sukkulentensammlung ist nicht nur Schauhaus und Forschungsstation. Sondern auch Troubleshooter: Online kann man sich Ratschläge holen, wenn der Kaktus zu Hause zum Beispiel Sonnenbrand hat oder Parasiten. Wer persönlichen Support braucht, bringt seinen stacheligen Mitbewohner am Mittwochnachmittag vorbei. Für den Kaktus gibts Erste Hilfe, für den Besitzer einen inspirierenden Rundgang. Und, wenn man Glück hat: einen Schwatz mit einem waschechten Cactus-d’Or-Preisträger.

Öffnungszeiten (inkl. Sonn- und Feiertage): täglich 9–16.30 Uhr Spezialführung mit Dr. Urs Eggli, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Cactus-d'Or-Preisträger: So 11–12 und 13–14 Uhr

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4 KOMMENTARE

P. Francisco Vera

21.01.2016, 00:13

Habe lange in Wollishofen gelebt und bin tausende Male an der Sukkulentensammlung vorbeigefahren. Zuerst mit dem Velo, dann mit dem Töffli, mit dem Motorrad und auch mit dem Bus und mit dem Auto. Nie kam es mir in den Sinn, bei den Kakteen mal vorbeizuschauen. Nun lebe ich am anderen Ende der Stadt und bin ich vor wenigen Tagen, als es kalt, nass und düster war, mit meinen Kindern auf die Idee gekommen, im Strandbad Mythenquai spazieren zu gehen. Wir haben vor der Sukkulentensammlung parkiert und einer meiner Söhne meinte: Hey, da kann man in ein Gewächshaus rein. Wir kamen der Sammlung näher und sahen, dass es viel zu sehen gibt. Wir gingen rein und die Überraschung war gross. Die Sukkulentensammlung ist riesig und einfach nur Hammer. Ein Geheimtipp, der jetzt wohl keiner mehr ist..


Reto Suter

20.01.2016, 22:16

Wer kann, besucht die Sukkulentensammlung während der langen Nacht der Zürcher Museen. Das nächtliche Flair ist einmalig.


Dieter Neth

20.01.2016, 19:15

Bin fast lebenslanger Kaktüssler und bin natürlich über die Stacheln gestolpert. Das sind botanisch Dornen. Stacheln sind an der Rose. Es mag interessant sein, dass man hierzulande etwa 2 Dutzend Arten mittlerweile problemlos draussen überwintern kann, darunter auch die essbare weil dornenarme Opuntia. Man isst die Pflanze, nicht die Frucht. ("Nopalitos") Richtig Angefressene besuchen die Pflanzen auch an ihren Standorten, etwa in Mexiko, woher das oben genannte Gericht herkommt. Andere mögen durch ihr Kakteenhobby zu einem Preis gekommen sein, wer aber richtig Glück hat, findet dabei seinen Ehepartner. So geschehen 1989 bei mir als ich die grossen Säulenkakteen in Nordmexiko gesucht und auch gefunden habe - nebst meiner Königin der Nacht.


Patrick Biegel

20.01.2016, 05:09

Super, die Sukkulentensammlung ist wirklich prima!