Tages-Anzeiger



Spielen mit dem Tod

Aktualisiert am 17.02.2016

Sie traten im Bataclan auf, als Terroristen im Pariser Konzertlokal ein Massaker verübten. Wie geht man mit einer solchen Tragödie um? Und wer ist dieser höchst widersprüchliche Chef der Band? Eine Annäherung.

Jesse Hughes (vorne) und Joshua Homme sind die Väter der Band.

Jesse Hughes (vorne) und Joshua Homme sind die Väter der Band.


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Paris

Am 13. November 2015 war das Pariser Konzertlokal Bataclan eines der Ziele der islamistisch motivierten Attentäter. Die Eagles of Death Metal (EODM) spielten gerade ihr sechstes Lied, als das Feuer eröffnet wurde. 89 Menschen starben. Die Musiker überlebten, brachen ihre Tour, die sie als Nächstes nach Zürich hätte führen sollen, sofort ab und reisten nach Hause in die USA. Nun kehren die Rocker zurück und setzen die abgebrochene Tour fort – traumatisiert und doch mit der Verve der alten Tage.

Trotz des Anschlags im Bataclan weiss man hierzulande wenig über die Eagles of Death Metal. Unklarheiten gibts rund um diese Band so einige. Das fängt schon beim Namen an. Ihre Musik wurde nach den Anschlägen erst als «Death Metal» bezeichnet. Als bekannt wurde, dass der Frontmann von Queens of the Stone Age, Joshua Homme, an den Produktionen der Band beteiligt ist, wechselten die Agenturen zu «Stoner Rock».

Beides stimmt nicht. Der missverständliche Name entstand etwa so: Joshua Homme sagte einst in einem Gespräch über eine Band, diese Musik klinge wie Death Metal gespielt von den Eagles. «The Eagles of Death Metal» wäre ein hübscher Name für eine Band, fand sein Kumpel Jesse Hughes.

Bei Hughes handelt es sich denn auch um die einzige – allerdings oft inkonstante – Konstante der Band. Bis 1998 weitgehend unbekannt, beschrieb er sich einmal als «übergewichtig, depressiv und verheiratet». Dann kam die Scheidungskrise, Hughes landete zu Hause bei seiner Mutter, die befürchtete, er wolle sich mit einer seiner zahlreichen Waffen umbringen. Jugendfreund Joshua Homme soll ihn schliesslich aus dem Sumpf geholt und förmlich zum Rock?’n’?Roll bekehrt haben. Jesse Hughes war mittlerweile schon 26-jährig und hatte zuvor nach eigenen Angaben nur Flöte gespielt. Er reduzierte sein Gewicht auf die Hälfte, zupfte rudimentäre Gitarrenriffs und nahm zu Hause Musik auf. Joshua Homme war hingerissen vom Song «I Only Want You», spielte für Hughes Drums und lud ihn zu den bekannten «Desert Rock Sessions» in Palm Springs in der kalifornischen Wüste ein. Seither arbeitete Hughes mit verschiedensten Musikern zusammen, darunter auch Berühmtheiten wie Dave Grohl.

Rock, Drogen und Religion

Das erste Album der Eagles of Death Metal erschien 2004 und bestand aus roh produziertem, ungehobeltem Garagenrock mit Einflüssen aus Boogie, Blues und Gospel. Hughes, selbst ebenso Fan der US-Hardcorepunker Minutemen wie von Little Richard oder George Clinton, steuerte unfehlbare Gitarrenriffs bei und rückte das Ganze mit seinem Falsett-Gesang in die Nähe von Disco-Funk. Diesem manchmal albernen, oft aber sehr treibenden und bühnentauglichen Stilmix blieben die Eagles of Death Metal bis heute treu. Und auf dem letzten, nicht mehr ganz so dreckigen Album «Zipper Down» zeigen sie, dass sie auch Duran Duran überaus überzeugend covern können.

Es lag am Einfluss Joshua Hommes, aber auch an Hughes’ – oft Speed-bedingter – ­Arbeits­­wut und eindrücklicher Bühnenpräsenz, dass die Band in den Staaten schnell an Bekanntheit gewann. Da konnte auch Axl Rose nichts daran ändern, als er sie als «The Pigeons of Shit Metal» bezeichnete und nach dem ersten Tag aus dem Vorprogramm der Guns-N’-Roses-Tour kippte.

Über die genretypische Angewohnheit, unausgegorenen Schwachsinn zu labern, verfügt auch Jesse Hughes. Das brachte ihm den Ruf ein, zu den widersprüchlichsten Figuren der Musikszene zu gehören. Wer Hughes persönlich begegnet, kann von einem witzigen, netten Menschen berichten, der ohne jegliche Starallüren auskommt. Doch er ist auch Mitglied der Waffenlobby NRA und verehrt Leute wie Donald Trump. Gleichzeitig setzt er sich für misshandelte Frauen ein und ist gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Seit 2012 ist Jesse Hughes Reverend der konservativen Universal One Church, bekennt sich aber öffentlich zu seinem Drogenkonsum, benutzt Kraftausdrücke und singt über freien Sex. Aber ebenso findet er, ­Rock’n’Roll heisse, dass man nicht vor seiner Mutter fluche. Und er sagt, Popkultur werde die Menschheit zerstören und das Internet sei ­Teufelswerk.

Hughes, der Journalismus studiert hat, ist zwar ein smarter Provokateur, aber manche seiner Aussagen sind durchaus ernst gemeint. Seine Affinität zu Waffen etwa ist unbestritten und dürfte mit seiner Biografie zusammenhängen, in welcher der brutale Vater ebenso wenig fehlt wie die Gang oder die Schusswunde. In einem Interview mit einem Radiosender meinte er, aufgrund seiner Erfahrung habe er im Bataclan wahrscheinlich als Erster gewusst, was vor sich gehe.

Gute Musik gegen üblen Lärm

Und wo steht die Band heute? Knapp drei Monate nach dieser schrecklichen Nacht im Bataclan, die Hughes&Co. weltweit in die Schlagzeilen hievte? Jede Reaktion auf Terror wirkt unangemessen, denn Terror ist nie angemessen. Die Band, die ihr Crew-Mitglied Nick Alexander bei den Anschlägen verlor, ist sich dessen bewusst. Sie entschloss sich jedoch bald dazu, ihre abgebrochene Tour wieder aufzunehmen, zumal die Anschläge mehr dem Konzertlokal als der Band gegolten hatten. Was sie tun würden, sei jenseits von Politik, bei Rock’n’Roll gehe es um das Menschliche, liess dazu Joshua Homme zitieren.

Die Band gab ausserdem bekannt, dass sie die Tantiemen für ihr Duran-Duran-Cover «Save a Prayer» den Opfern des Anschlags zukommen lasse. Aus demselben Grund bat sie andere Bands, ihren Song «I Will Love You All the Time» zu covern. Der Aufforderung folgten zahlreiche Künstler, darunter Dean Ween und Florence and the Machine.

Jesse Hughes sagt in Bezug auf die Schüsse im Bataclan: «Nach dem Warum zu fragen, ist zwecklos.» Aber der übelsten Musik, die man sich vorstellen könne, die bestmögliche Musik entgegenzusetzen, scheine eine doch sehr sinnvolle Reaktion zu sein.

Bei diesem Konzert ist mit strengen Eingangskontrollen und deshalb mit längeren Wartezeiten zu rechnen

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