Tages-Anzeiger



Gastro Aktuell Frau Gerolds Garten

So gut kann Abfall schmecken

Von Alexander Kühn. Aktualisiert am 09.03.2016

«Rübis und Stübis» heisst es hinter dem Bahnhof Hardbrücke im Nachhaltigkeitsmonat zu Ehren vermeintlicher Ausschussware. Wir sind beeindruckt, wie die Küche das Motto umsetzt.

Viel zu schade für Biogas: Suppenhuhn gehört auf den Teller.

Viel zu schade für Biogas: Suppenhuhn gehört auf den Teller.

Rübis und Stübis

Die Aktion unter dem kulinarischen Patronat von TV-Koch Erik Hämmerli dauert noch bis zum 26. März. Die liebevoll zubereiteten Gerichte sind jeweils ab 18 Uhr erhältlich. Eine Menge interessanter Informationen zum ressourcenschonenden Umgang mit Lebens­mitteln gibt es auf der Website www.foodwaste.ch.

Frau Gerolds Garten

Adresse: Geroldstrasse 23
8005 Zürich
Url: http://www.fraugeroldsgarten.ch

Darfs eine Suppe mit Zapfen­wein sein – oder eine ausrangierte Legehenne? Oder doch lieber eine Terrine aus eigenwillig gewachsenem Gemüse, das sonst im Abfalleimer gelandet wäre? Diese Fragen stellen sich den Gästen derzeit ­in der Winterstube von Frau Gerolds Garten. Hintergrund ist der Nachhaltigkeitsmonat unter dem Titel «Rübis und Stübis». In dessen Rahmen wollen die Veranstalter die Gäste zu einem bewussteren Umgang mit Essen animieren.

Wir bestellen beim anonymen Testbesuch gespannt besagte Zapfenweinsuppe und die ­Gemüseterrine (je 10.50 Fr.). Es sind – um es vorwegzunehmen – zwei ausgezeichnete Vorspeisen. Die Suppe, in der eine grosszügige Portion gebeizter Lachs schwimmt, ist schön schaumig und besitzt ein elegantes Aroma. So, als wäre sie mit ganz normalem Weisswein zubereitet worden. Wir staunen, haben wir doch schon oft gehört, dass sich der muffige Korkgeschmack auch beim Verkochen hartnäckig halte.

Die Terrine – sie besteht hauptsächlich aus Peperoni und Auberginen – gefällt uns sogar noch einen Tick besser. Das Gemüse ist saftig und schmeckt wunderbar fruchtig. Die neben den Terrinentranchen platzierten roten Würfel sehen zwar hübsch aus, sind aber geschmacklich so diskret, dass wir nur vermuten können, dass sie auf Basis von Tomaten zubereitet wurden. Toll finden wir dafür die knusprigen Gemüsechips, die über die Teller gestreut wurden.

Vor dem Hauptgang haben wir ein wenig Zeit, uns umzusehen. Dank den an den Wänden angebrachten Tafeln erfahren wir so einiges über Foodwaste. Zum Beispiel, dass hierzulande pro Person und Tag 320 Gramm einwandfreie Lebensmittel einfach weggeworfen werden. Das entspricht fast einer ganzen Mahlzeit. Mit dem gesamten vermeidbaren Ausschuss eines Jahres könnte man 140'000 Lastwagen füllen, eine Kolonne von Zürich bis nach Madrid.

Dann steht auch schon das gebratene, mit altbackenem Brot und Serranoschinken gefüllte Suppenhuhn (29 Fr.) auf dem Tisch. Das Geflügel, das wegen mangelnder Nachfrage für gewöhnlich zur Herstellung von Biogas verwendet wird, ist zart und überraschend saftig. Die Füllung hat Kraft und macht so satt, dass die innen schön schlotzigen und aussen herrlich knusprigen Gerstenkugeln sowie der Blattspinat kaum noch in den Magen passen. Ein wenig Luxus bietet die Trilogie vom Rind (31 Fr.), die ebenfalls mit Gerstenkugeln und Gemüse serviert wird. Zum jedes Grossmamis würdigen Hackbraten und zum vorzüglich geschmorten Bäggli mit dunkelbraunem Jus gibts eine Tranche Filet.

Die Desserts – ein Mohnkuchen und ein mit Samichläusen des Jahrgangs 2015 gebackener Schoggikuchen (je 6 Fr.) – fallen nach dem überzeugenden Vorprogramm ein klein wenig ab. Trotzdem hat uns dieser Abend durch und durch glücklich gemacht.

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